Rudolf Kassner, der wohl bedeutendste europäische Kunstphilosoph der ersten Jahrhunderthälfte, war als Mensch und Autor für Rainer Maria Rilke von unvergleichlich starker Anziehungskraft. Er war der Wesentlichste unter seinen wenigen Männer-Freunden. Die hier erstmals im Zusammenhang veröffentlichten Briefe sind Zeugnis der langen Freundschaft, die von Ende 1907 bis zu Rilkes Tod währte. Die nur lückenhaft überlieferte Korrespondenz wurde sporadisch geführt, da beide füreinander keine dauernden Schreibpartner waren. Ihre Freundschaft lebte aus dem persönlichen Gespräch – das Kassner nach Rilkes Tod indirekt fortzusetzen versuchte, indem er aus seinen Beobachtungen und Erinnerungssplittern Fragmente einer kritischen Biographie entwickelte. Klaus E. Bohnenkamp rekonstruiert die Beziehung zwischen Rilke und Kassner, indem er weitverstreute lebens- und werkgeschichtliche Zeugnisse, Briefe und Verlautbarungen an Dritte und von Dritten in die Edition des Briefwechsels einbezieht. Dabei entsteht das unverfälschte Bild einer Freundschaft, die für Rilke in einem bestimmten Abschnitt seines Lebens zum prägenden Ereignis wurde.
Klaus E. Bohnenkamp Reihenfolge der Bücher (Chronologisch)





Insel-Bücherei - 1261: Gedichte an die Nacht
- 128 Seiten
- 5 Lesestunden
»Nacht« ist das nach »Leben« häufigste Substantiv in Rilkes lyrischem Sprachschatz. Schon die Anfänge seiner Dichtung schöpfen aus dem Fundus abendländischer Lyrik, die das Motiv in seiner zwischen Naturbild und Seelensymbol schillernden Vieldeutigkeit seit je umspielt. Doch erst unter dem Eindruck der Spanienreise von 1913 erschließt Rilke dem Thema bis dahin unerhörte Bereiche, und er stellt es als Leitwort über das neben den Duineser Elegien wichtigste Vorhaben der späten Jahre: den Zyklus der Gedichte an die Nacht. Auf sie greift er zurück, als er zweifelt, die Elegien je abschließen zu können, und trägt im Spätjahr 1916, gleichsam als Akt der Selbstbestätigung, zweiundzwanzig von ihnen in ein Schreibbuch für Rudolf Kassner ein, den »einzigen Mann«, mit dem er »etwas anzufangen weiß«, wie er Lou Andreas-Salomé einst bekannt hatte. In dieser für den Freund bestimmten Gestalt werden die Gedichte an die Nacht hier zum erstenmal vorgelegt; sie gewähren damit Einblick in den Aufbauplan eines Projektes, das Rilke erst aufgibt, als die Elegien vollendet sind. Der vorliegende Band bietet zudem eine Auswahl themenverwandter Gedichte aus allen Schaffenszeiten Rilkes, die es erlaubt, die Entfaltung des Nachtmotivs im Gesamtwerk zu verfolgen.