Eine junge Frau, Paula Karst, verlässt ihre Heimatstadt Paris und zieht nach Brüssel, um an der Akademie für angewandte Kunst zu studieren. Dort lernt sie, selbst die komplexesten Aspekte der Realität täuschend echt nachzuahmen. In einer Zeit, in der Surrogate gefragt sind, ist sie ständig mit der termingerechten Erfüllung ihrer Aufträge beschäftigt: Ihre Kunst ist in Russland gefragt, sie illuminiert luxuriöse Apartments in Paris und reist schließlich nach Rom, um dort an der Illusion von Wirklichkeit zu arbeiten. Doch die Serienproduktion von Nachahmungen genügt ihr nicht, weshalb sie sich entschließt, die berühmten Höhlen von Lascaux in der Dordogne nachzubilden. Diese Aufgabe scheint zunächst den üblichen Zeichnungen zu entsprechen, doch während der millimetergenauen Rekonstruktion der Wandmalereien stellen sich ihr tiefgreifende Fragen: Kann man prähistorische Gemälde reproduzieren, ohne sich in einen Urzeitmenschen zu verwandeln? Ist die Rettung dieser Zeichnungen durch Vortäuschung das einzige Mittel gegen einen zerstörerischen Lebensstil? Ist eine jederzeit verfügbare Welt nicht dem Untergang geweiht? Und gibt es noch einen klaren Unterschied zwischen Realität und Nachahmung, zwischen Fakten und Illusionen, zwischen Nachrichten und fabrizierten Meldungen?
Kerangal Maylis Bücher
Maylis de Kerangal schreibt in einem kraftvollen, umfassenden Stil und erforscht oft die grundlegenden Prozesse der Schöpfung und Transformation. Ihre Erzählungen tauchen in die Körperlichkeit der Existenz ein, sei es der Bau von Brücken oder die Reise eines für eine Transplantation bestimmten Herzens. Sie besitzt die einzigartige Fähigkeit, sowohl weite, überschwängliche Landschaften als auch intime Details menschlichen Handelns mit gleicher Klarheit darzustellen. Ihre Prosa lädt die Leser ein, sich in das Gefüge des Lebens und seine tiefsten Momente einzutauchen.


Kanus
- 168 Seiten
- 6 Lesestunden
Immer stimmt irgendetwas nicht . Wenn die Freundin Zoé plötzlich fremd wirkt, ihre Stimme ein ungewohntes Timbre aufweist, weil sie sich, wie sich endlich erweist, für einen Job beim Radio einem Sprechtraining unterzogen hat. Wenn sich nach Jahren der Fernbeziehung die langersehnte Nähe zu Sam nicht einstellt, weil sich die Liebenden nur übers Telefon kannten und sich ihre wahren Stimmen nicht synchronisieren wollen. Oder wenn der Vater es nicht übers Herz bringt, die von der verstorbenen Mutter gesprochene Ansage auf dem gemeinsamen Anrufbeantworter zu löschen – und damit ihre Stimme auf ewig verschwinden zu lassen. Die acht ungleichen Frauenstimmen dieser alle Sinne ansprechenden Geschichten erzählen von Momenten, in denen Nähe und Entfremdung ineinander vibrieren. Wo eine winzig kleine Verschiebung im Gefüge allesentscheidend ist und Liebe in Skepsis umschlägt, Befangenheit in Zutrauen. Momente, die Raum für befreiend Neues schaffen.