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Gabriel Reuter

    Der Amerikaner
    Ellen von der Weiden
    Das Tränenhaus
    Ins neue Land
    Frauenseelen
    Aus guter Familie
    • Aus guter Familie

      • 158 Seiten
      • 6 Lesestunden

      Ein Strahl der Frühlingssonne fiel durch das verstaubte Bogenfenster einer Dorfkirche und schnitt die graue Dämmerung. Er verlor sich hinter einem weißen Gitter im schattigen Pfarrstuhl, wo festlich gekleidete Herren und Damen saßen. Inmitten des Lichtstrahls stand die Konfirmandin vor dem Altar. Das kleine Kreuz auf ihrer Brust glühte wie ein überirdisches Symbol, während ihr braunes Haar über dem rosenroten, tränenfeuchten Gesicht schimmerte. Sie war allein an diesem heiligen Ort, durchschauert von der Bedeutung des Augenblicks und bangend, das Gelübde auszusprechen, das sie unwiderruflich für ein Leben der Wahrheit und Heiligung verpflichten sollte. Hinter ihr hörte sie das Gepolter niederkniender Tagelöhnerkinder, die bereits die Einsegnung empfangen hatten. Plötzlich wünschte Agathe mit krankhafter Heftigkeit, sich unter den glattgekämmten, rotgeseiften Köpfen zu verbergen und an der Gemeinschaft mit ihnen teilzuhaben. Ihr Herz schlug heftig, und eine Furcht ergriff sie, als sie auf die Knie sank und den Kopf neigte. Sie fühlte, dass sie in der nächsten Minute ihr frohes Dasein gegen einen Zustand voller fremder Schauerlichkeit, erhabener Schmerzen und beklemmender Wonnen eintauschen müsste.

      Aus guter Familie2023
    • Ins neue Land

      • 58 Seiten
      • 3 Lesestunden

      Die Schwester stand mit dem Arzt auf dem kleinen Flur vor dem Parterresaal der Verwundetenbaracke. Der junge Doktor, im weißen Operationsmantel, fragte nach dem Zustand eines Patienten. Die Schwester berichtete von Temperaturanstiegen und einer schweren Depression, während der Patient kaum auf Fragen reagierte. Der Arzt wollte mit ihm sprechen und bemerkte, dass gerade gebildete Verwundete oft besonders hart mit ihrem Schicksal kämpfen. Die Schwester erklärte, dass sie durch ihre Denkfähigkeit die Schwierigkeiten der Zukunft klarer erkennen. Der Arzt war beeindruckt von der ausgearbeiteten Stirn des Patienten und wollte sich um ihn kümmern. Er öffnete die Glastür und blickte in den Raum, wo ihn die Augen vieler Männer erwartungsvoll anblickten. Diese Krieger, die ihr Leben dem Tod riskiert hatten, waren in ihren qualvollen Tagen und schlaflosen Nächten so erschöpft, dass sie von dem jungen Arzt in seinem weißen Kittel sehnlichst Linderung ihrer Leiden oder Trost für die unerträglichen Schmerzen erwarteten.

      Ins neue Land2023
    • Das Tränenhaus

      • 60 Seiten
      • 3 Lesestunden

      Das kleine Haus lag in einer freundlichen Wiesengegend Württembergs, umgeben von einem grauen Grafenschloß und einer Dorfstraße mit Bauernhöfen. Unten plätscherte ein heller junger Fluß, und in bescheidenen Hütten lebten arme Frauen mit blumenreichen Vorgärten. Das kleine Haus war jedoch abseits, am linken Abhang des Hügels, versteckt und schwer erreichbar. Der steile, steinige Weg war voller Löcher und Pfützen, umgeben von Brennnesseln und Schlehdornhecken, was darauf hinwies, dass niemand sich um den Pfad kümmerte. Er führte zu einem Gehöft verarmter Leute und zu dem kleinen Häuschen, über das die Dorfbewohner mit Scheu und Männer mit einem Grinsen sprachen. Unter einem blühenden Birnbaum wirkte das Haus freundlich, mit hellen Gardinen und einer stattlichen Eigentümerin, die oft vor der Tür stand und etwas Gutes kaute. Ihre Gäste, die um sie herum auf der Schwelle oder an der Hauswand saßen, waren das Bedenkliche. Von der Tür aus hatte man einen weiten Blick über das Flüßchen bis zu den fernen Schweizeralpen, dennoch versteckte sich das Haus schüchtern hinter der Hügelflanke.

      Das Tränenhaus2023
    • Der Amerikaner

      • 86 Seiten
      • 4 Lesestunden

      Die Buchenwipfel schauerten im Morgenwind, während eine scharfe Kühle aus den schattigen Gründen emporstieg. Der Bergbach sprang schäumend die Felsenwand hinab und übersprudelte das glattgewaschene Gestein. Der alte Herr von Kosegarten schlug den Kragen seiner Joppe hoch, nahm den Stock unter den Arm und vergrub die Hände in den Taschen, da ihm kalt war, trotz der glitzernden Sonne über den Bergen. Neben ihm stand der Förster mit einem dicken Notizbuch in der Hand und machte sich mit einem kurzen Bleistiftstummel Notizen. Aus dem Wald klang der Axthieb der Holzfäller. „Aufgeforstet mußte doch mal werden,“ brummte der Beamte in seinen Schnauzbart. „Warum schließlich das Lamento? Was sein muß, muß sein!“ schimpfte der alte Herr. „Hundertjährig können die Bäume freilich nicht gleich wieder werden.“ Der Förster murrte verdrießlich. Die beiden Männer schritten durch die Säulenhalle der silbernen Stämme, die ihnen gut bekannt waren. Jeder Baum trug das rote Merkzeichen des Forstbeamten, das ihn dem Tod weihte: die mächtigen Riesen, die majestätisch in die Höhe wuchsen und ihre weitgreifenden Kronen trugen.

      Der Amerikaner2023
    • Frauenseelen

      • 84 Seiten
      • 3 Lesestunden

      Nein, so konnte es nicht weitergehen. Sie ertrug ihr Leben nicht länger und wollte es auch nicht. Fort, egal wohin! Nur ein paar Tage andere Luft atmen, fremde Möbel und unbekannte Menschen um sich haben, die sie nicht bemitleideten. Andere Wege gehen, deren Ziel ungewiss war. Nachts auf einem Kissen schlafen, das nicht von vielen Tränen durchtränkt war. O Gott, dem ewigen Schmerz entfliehen! Sie hatte ihn lange genug gehütet, müde und hilflos, wie eine Mutter ein krankes Kind. Aber sie musste allein gehen. Das war entscheidend. Ernstchen würde sie immer an seinen Vater erinnern, dessen Ähnlichkeit den täglichen Schmerz verstärkte, den der kleine Junge nicht ahnte. Sie konnte nicht aufhören, die feinen Züge, die sie an Friedrich geliebt hatte, im Jungen wiederzuerkennen. Sein nervös-sensibles Temperament, das in Freude und Leid über Grenzen ging, seine kalte Grübelei, die ungeduldige Abneigung gegen Unvollkommenheit und die Sehnsucht nach stetiger Heiterkeit – all das trug sie selbst in sich. Sie war ihrem Mann zu ähnlich, was ihre Verbindung erschwerte. Die Schwierigkeiten, die er in sich trug, fand er bei ihr wieder. Es musste ihn bis zum Wahnsinn reizen, dass er sie einmal nicht mehr liebte oder vielleicht niemals geliebt hatte.

      Frauenseelen2022
    • Ellen von der Weiden

      • 92 Seiten
      • 4 Lesestunden

      Fritz Erdmannsdörfer verbrachte einige Tage im Harz, um eine dringend benötigte Pause einzulegen. Diese Auszeiten nahm er sich regelmäßig, ohne viel Aufhebens darum zu machen. Er informierte lediglich seinen Vertreter und reiste ab, während seine Freunde oft nichts von seiner Abwesenheit wussten und dachten, er habe viel zu tun. In seiner Praxis gab es immer Arbeit, doch diese Fluchten halfen ihm, die Herausforderungen des Stadtlebens und die Klagen seiner Patientinnen besser zu bewältigen. Als Arzt für nervöse Frauen musste er selbst gelassen bleiben. Im Harz wanderte er am Fuße des Brockens durch die Wälder. Den alten Herrn mit der Nebelkappe hatte er bereits am Vortag besucht. Die Umgebung war von einem wilden Frühlingssturm gezeichnet, und die Hotelanlagen sowie Verkaufsstände wirkten verlassen und überflüssig. Fritz war früh aufgebrochen, um weiter in den Oberharz zu gelangen. Der Nebel stieg aus den Tälern auf und zog in langen Streifen über die Tannenberge. Die Sonne schien durch die Morgendünste und sandte blasse Lichtstrahlen in die milchweiße Landschaft. Am Rand einer noch fahlgrünen Waldwiese blühten gelbe Schlüsselblumen in kleinen Gruppen auf hohen Stängeln.

      Ellen von der Weiden2022