Dag Solstad zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen norwegischen Schriftstellern, bekannt für seine scharfsinnige Auseinandersetzung mit dem modernen Leben. Sein Werk zeichnet sich durch einen minimalistischen Stil und eine tiefgründige Untersuchung der menschlichen Psyche und sozialer Dynamiken aus. Solstad fängt meisterhaft die existenziellen Dilemmas und verborgenen Spannungen im Alltag seiner Charaktere ein. Sein Schreiben bietet eine einzigartige Perspektive auf die norwegische Gesellschaft und universelle Themen der menschlichen Erfahrung.
Singer ist vierunddreißig und hat gerade die Ausbildung zum Bibliothekar abgeschlossen, als er mit dem Zug in der Kleinstadt Notodden ankommt, um ein neues Leben zu beginnen. Er verliebt sich in Merete, eine Töpferin, und zieht mit ihr und ihrer kleinen Tochter zusammen. Im Lauf der Jahre beginnt die Beziehung zu bröckeln. Und gerade als sich das Paar scheiden lassen will, nimmt Singers Schicksal durch einen Autounfall eine unerwartete Wendung.
Armand V. überrascht seinen Sohn in einer erniedrigenden Szene – halbnackt, auf allen vieren, vor einer Unbekannten. Kurz darauf gibt der junge Mann sein Studium auf, um sich zum Kriegseinsatz in einer Eliteeinheit zu melden. Ein Krieg, den der Vater als norwegischer Botschafter in London zu befürworten hat, als Privatperson aber aus tiefstem Herzen mißbilligt. Dennoch bewahrt er seinen Sohn nicht vor diesem fatalen Schritt. Der Alltag des Vaters, seine Streifzüge durch Oslos Straßen und in die eigene Vergangenheit sind Nebenschauplätze der Handlung, denn seine Geschichte ist nur Annotation, Fußnote zum eigentlichen Roman, der bisher vergeblich 'auf seine Ausgrabung' wartet und in dem die Figur des Armand V. in all ihrer Zerrissenheit beleuchtet werden könnte. Dag Solstad schickt uns in seinem neusten Buch in ein labyrinthisches Abenteuer und stellt mit den Regeln des traditionellen Romans unsere gewohnte Wahrnehmung auf den Kopf.
Eines Morgens Ende August steht Bjørn Hansen am Kongsberger Bahnhof und wartet auf seinen Sohn. Er ist fünfzig, und es ist vier Jahre her, seit er Turid Lammers verlassen hat, die Frau, für die er einst Frau und Kind sitzen ließ und nach Kongsberg zog, um 'dem Traum vom gestohlenen Glück' nachzulaufen. Doch auch die Begegnung mit dem Sohn kann Bjørn Hansens Dasein nicht mit Inhalt füllen, und aus Protest gegen das Leben entwickelt er einen Plan, mit dem er sein großes Nein verwirklichen will. 'Elfter Roman, achtzehntes Buch' würde auch Bjørn Hansen gerne lesen, 'ein Roman, der zeigt, daß das Leben unmöglich ist'. Ein tiefgehender existenzieller Roman, der konzentriert und kompromißlos alle zentralen Themen Solstads aufgreift: Mit messerscharfer Präzision, subtilem Humor und im mahlenden Stil Prousts schildert Solstad das Gefühl des Intellektuellen, ausgegrenzt zu sein. Bjørn Hansen – dem Stadtkämmerer – wird die Gesellschaft immer oberflächlicher und unverständlicher.
Elias Rukla, seit 25 Jahren Studienrat für Norwegisch, macht im Unterricht eine äußerst aufregende Entdeckung. Die Nebenfigur Dr. Relling in Ibsens Wildente hat eine ganz zentrale Funktion! Innerlich erregt von dieser spontanen Eingebung bittet er einen Schüler, die wenigen Einsätze Rellings laut zu lesen. Genervt blättern alle vor und zurück, und der Schüler liest demonstrativ gelangweilt vor. Der Unterricht wird zur Qual. Das erlösende Klingeln ertönt, Rukla atmet erleichtert auf. Als sich auf dem Pausenhof sein Regenschirm nicht öffnen läßt, verliert er die Haltung, er trampelt darauf herum, beschimpft dabei die gaffenden Schüler aufs Wüsteste. Und er weiß, er will nicht mehr in sein altes Leben zurückkehren, seine Scham über den Verlust der Würde ist zu groß.
Alle Jahre wieder zelebriert Pål Andersen, Professor für Literatur, mit großem Vergnügen und 'kindlicher Einfalt' die Heilige Nacht. Er kleidet sich festlich, kocht das traditionelle Weihnachtsessen, um dann alleine zu speisen. Ein erwachsener Mann Mitte fünfzig mit einem intakten kindlichen Gemüt. Er erfreut sich an den erleuchteten Fenstern seiner Nachbarn, die sich alle zum selben Ritual um den Weihnachtsbaum versammeln. Die stille Nacht des Professor Andersen findet ein abruptes Ende, als er im Fenster gegenüber den Mord an einer jungen Frau beobachtet. 'Professor Andersens Nacht' beginnt als klassischer Kriminalroman … Dag Solstad lockt seinen Leser in die finstersten Winkel der menschlichen Seele.
Dag Solstad selbst ist der Protagonist dieses Romans, der mit einem Flug nach Frankfurt beginnt. Solstad studiert beim Blick aus dem Fenster die Wolkenformationen: »Ich schaute auf die paradiesische Landschaft und fand es selbstverständlich, innerhalb dieses sphärischen Panoramas Engel, Fabelwesen und allegorische Vorstellungen zu sehen.«2001 wohnt Dag Solstad in einer Wohnung am Maybachufer 8 in Berlin. Auf Streifzügen durch die Berliner Straßen lässt sich auch der Autor Dag Solstad zunehmend einkreisen. Hier finden sich Momente des Glücks und der Ruhe, aber auch der Angst und der Verzweiflung. Der Roman führt uns weiter nach Lillehammer und in sein Elternhaus in Sandefjord.