Die alte Frage nach Heil und Heilung wird hier neu betrachtet, insbesondere durch die Linse der Psychoanalyse Sigmund Freuds. Die Theoriegeschichte der Psychoanalyse wird als ein Prozess der Vermittlung und Heilung verstanden. Freud bewältigte Krisen, Verstrickungen und Traumatisierungen durch die Schaffung von Theorie. Die frühen Krisen der Psychoanalyse spiegeln jedoch nicht nur persönliche Konflikte Freuds oder interne Differenzen wider, sondern auch die traumatischen Erfahrungen der Moderne. In Reaktion auf das "Trauma der Moderne" hat sich in der Psychoanalyse, ähnlich wie in der Gesellschaft, ein einseitiges Rezept der Ichstärkung als vermeintliches Heilmittel herauskristallisiert. Der Autor schlägt eine neue Perspektive vor: die Objektsicht, die den Fokus auf die andere Seite der Subjekt-Objekt-Beziehungen legt. Diese Sichtweise wird an drei Schlüsselereignissen in der Frühgeschichte der Psychoanalyse entwickelt: den frühen Hysterieanalysen, den Verstrickungen zwischen Freud und Jung während der Sabina Spielrein-Episode und der Begegnung zwischen Freud und dem Dichter Rainer Maria Rilke zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Die Objektsicht beleuchtet viele Themen der Psychoanalyse neu und ruft Freud als Zeugen auf, um den sprachlosen Prozess der Moderne in Sprache zu übersetzen.
Johannes Dirschauer Bücher


Die öffentliche Diskussion über die Zeit des Nationalsozialismus hat in den letzten Jahren an Intensität gewonnen, was sich im großen Interesse an den Tagebüchern Victor Klemperers zeigt. Der Erfolg von Spielbergs „Schindlers Liste“, die Kontroversen um Goldhagens „Hitlers willige Vollstrecker“ und die Resonanz auf die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht“ verdeutlichen die gesellschaftliche Bereitschaft, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. In diesem Kontext wird Johannes Dirschauers Publikation über Klemperers Tagebücher relevant. Sie bietet zahlreiche Interpretationen für Leser, die an biographischen, sozialphilosophischen und psychologischen Zusammenhängen interessiert sind, und richtet sich auch an jene, die eine umfassende Einführung suchen. Im Mittelpunkt steht das Leben eines Mannes, der über 63 Jahre hinweg Tagebuch führte – vom Wilhelminischen Kaiserreich bis zum ersten Jahrzehnt der DDR. Dirschauer reflektiert dieses breite historische Spektrum und kommentiert nicht nur ein einzigartiges zeitgeschichtliches Dokument, sondern beleuchtet auch die „Klemperer-Faszination“ und das heutige Verhältnis zur Geschichtsbewältigung. Über das Buch wird gesagt: „eine höchst lesenswerte, detailgetreue und stilsichere Annäherung an das 'Phänomen Klemperer'.“