Hans Höller, Dr. phil., Professor für Germanistik an der Universität Salzburg, Verfasser zahlreicher Bücher zur zeitgenössischen Literatur, Mitherausgeber der Thomas-Bernhard-Werkausgabe und der Jean-Améry-Ausgabe.
Irène Heidelberger-Leonard Bücher




In den letzten Jahren wurden die Biografien einflussreicher Schriftsteller und Denker des 20. Jahrhunderts verfasst, und nun liegt die erste Biografie über Jean Améry vor. Seine Essays und Romanessays über den Holocaust und die Gewalt des 20. Jahrhunderts sind bis heute relevant. Der biografische Bericht beginnt mit den Jahren 1912 bis 1935 und widmet sich dem früh berufenen Schriftsteller und später produktiven Journalisten Améry. Sein Leben und sein Werk sind eng miteinander verknüpft, was sich in der Darstellung seiner Lebensstationen zeigt, die in einem subtilen Ineinander von Fakten und Werkzitaten präsentiert werden. Améry, ein Überlebender von Auschwitz, erlebte Folter und entwickelte früh Bewältigungsstrategien, die ihn zu einem brillanten Stilisten machten. 1966 gelang ihm der Durchbruch mit der Essaysammlung „Jenseits von Schuld und Sühne“, die später durch „Über das Altern“ und „Unmeisterliche Wanderjahre“ zu einer autobiografischen Trilogie erweitert wurde. Diese Werke vereinen disziplinierte Argumentation, stilistische Eleganz und persönliche Erfahrung und machten Améry zu einem führenden Intellektuellen. Die Biografie enthält reichhaltiges, unveröffentlichtes Material, darunter Dokumente, Lebenszeugnisse und unbekannte Briefe, und bietet eine klare Nachzeichnung von Amérys geistigen Positionen, die uns an das erinnern, was wir heute nicht mehr besitzen.
Alfred Andersch
Perspektiven zu Leben und Werk
Der Schriftsteller Alfred Andersch (1914-1980) wäre im Februar 1994 achtzig Jahre alt geworden – ein Anlass, ihn als zentrale Figur der Nachkriegsliteratur zu ehren. Seine Rolle im Kulturbetrieb des zerstörten Deutschlands ist unbestritten. Als Mitherausgeber von „Der Ruf“, Mitwirkender an der nie erschienenen Zeitschrift „Skorpion“ und den „Frankfurter Heften“, sowie als Redakteur des „Abendstudios“ und Leiter des „Radio-Essays“ prägte er ein neues Literaturverständnis, das in der Gruppe 47 seinen Anfang nahm. Für ihn war die Autonomie der Kunst eine Voraussetzung für ihre politische Aussagekraft. Diese Ungleichzeitigkeiten spiegeln sich auch in seinem eigenen fiktionalen Werk wider. Trotz seiner hohen Selbstbewertung als Schriftsteller, der Kurzgeschichten, Berichte, Romane, Essays und Reisebeschreibungen verfasste, blieb ihm die uneingeschränkte Anerkennung versagt. Während er im Ausland mit Werken wie „Sansibar oder der letzte Grund“ als Klassiker gefeiert wurde, wurde ihm im deutschen Literaturbetrieb der Büchner-Preis vorenthalten, was ihn bis zu seinem Lebensende ärgerte. Selbst seine bedeutenden Altersromane „Efraim“ und „Winterspelt“ brachten ihm lediglich mäßige Erfolge ein.
Rechenschaften
Juristischer und literarischer Diskurs in der Auseinandersetzung mit den NS-Massenverbrechen
- 198 Seiten
- 7 Lesestunden
Deutschsprachige Schriftsteller reagierten literarisch auf die NS-Prozesse, als das Ausmaß der nationalsozialistischen Massenverbrechen in den Nürnberger Prozessen und dem Frankfurter Auschwitz-Prozess offenbar wurde. Der juristische Diskurs konnte dem, was Deutsche in Europa angerichtet hatten, nicht gerecht werden. 1965 äußerte der Hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer den Wunsch nach einem Dichter, der das Unaussprechliche in Worte fassen könne. Einige Schriftsteller verfolgten die Prozesse, doch konnten sie Bauers Erwartungen erfüllen? Die Beiträge des Buches beleuchten verschiedene Aspekte dieser Thematik. Stephan Braese bietet eine Einführung in die Juris-Diktionen, während Robert André die Sprache des „Unmenschen“ in W. E. Süskinds Werk und dem Nürnberger Prozess untersucht. Cornelia Vismann thematisiert Sprachbrüche im Kriegsverbrecherprozess, und Henry A. Lea reflektiert Wolfgang Hildesheimers Erfahrungen. Hanno Loewy fragt, ob ähnliche Verbrechen wiederholt werden könnten, und Vivian Liska diskutiert die Verbindung zwischen Akten und Dichtung in Marie Luise Kaschnitz' Werk. Weitere Beiträge befassen sich mit Horst Krügers Beobachtungen im Auschwitz-Prozess, Peter Weiss’ „Die Ermittlung“ und Alexander Kluges Auseinandersetzung mit KZ und politischem Verbrechen. Abschließend wird die Geschichtsschüchternheit in Bernhard Schlinks „Der Vorleser“ thematisiert.