»Einen Dichter einzuladen, eine Poetikvorlesung zu halten, ist etwa so sinnvoll, wie einen Kannibalen als Ernährungsberater zu engagieren. Am Ende nagt er an Ihren Knochen, in diesem Fall an den Resten Ihres geistigen Stützapparats«, warnte Robert Menasse zu Beginn seiner Poetikvorlesungen im Frühjahr 2005 im legendären Adorno-Hörsaal, in dem »schon lange nicht mehr so wortgewaltig gegen den Kapitalismus gewettert und zum Umsturz aufgerufen wurde«, wie die Süddeutsche Zeitung schrieb. Das Publikum dankte es ihm mit »donnerndem Applaus und stehenden Ovationen«.
Robert Menasse Bücher
Robert Menasse ist ein österreichischer Schriftsteller und Essayist, dessen Werk sich mit den Komplexen europäischer Identität und Geschichte auseinandersetzt. Er erforscht meisterhaft die verschlungenen Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart und setzt dabei oft scharfe Ironie und intellektuelle Strenge ein. Menasses Schriften untersuchen gesellschaftliche und politische Themen und regen die Leser an, über die Natur Europas und seine zukünftige Entwicklung nachzudenken. Seine unverwechselbare Stimme bietet eine tiefgründige Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Fragen.







Trilogie der Entgeisterung (duplicitní ISNB)
- 465 Seiten
- 17 Lesestunden
In seinem Roman Selige Zeiten, brüchige Welt erzählt Robert Menasse von der fixen Idee des tragikomischen Gelehrten Leo Singer, ein Buch zu schreiben, das die Welt ein letztes Mal umfassend erklärt. Um dieses Buch zustande zu bringen, schreckte Singer auch vor Gewaltverbrechen nicht zurück - und scheiterte dennoch. Robert Menasse hat dieses Buch für seinen Romanhelden geschrieben, die Phänomenologie der Entgeisterung, eine Erzählung, die die Erzähltechniken Hegels noch einmal ernst nimmt.
Permanente Revolution der Begriffe
Vorträge zur Kritik der Abklärung
… es kommt darauf an, sie wieder zu interpretieren! Wie kann man die Realität begreifen, wenn schon ihre Begriffe nicht mehr begriffen werden? Das Eigentümliche an großen Begriffen wie „Demokratie“, „Arbeit“, „Religion“, „Kultur“ oder „Europa“ ist, daß sie einer permanenten Banalisierung unterworfen sind: sie wurden zu bloßen Worten, die jeder im Munde führt, die aber nichts mehr bedeuten. Robert Menasse unternimmt dagegen eine permanente Revolution der Begriffe und zeigt: die Welt steht auf dem Kopf, wenn wir die Begriffe wieder auf die Füße stellen. Die Begriffe haben Recht – wir wissen es nicht, aber wir verwenden sie…
Das Paradies der Ungeliebten
Ein Schauspiel
Das Stück spielt in »Dänemark«, also »hier«, im Biotop staatspolitischer Fäulnis. Die Politik hat abgedankt, die Politiker haben keine Macht mehr, nur noch Ämter. Die Figuren – der hilflose Regierungschef, der besessene Vize, der demagogische Oppositionsführer, der gescheiterte Schauspieler, der in die Politik gewechselt ist, aber auch einen Politiker nicht glaubhaft darstellen kann, sie alle tragen die Namen der dänischen »Europameister« von 1992. Aber sie meistern Europa nicht. Sie lassen sich wählen – um dann, lethargisch oder eitel, ihre Verantwortung auf die »Sachzwänge« abzuwälzen. Ein politischer Fieberkopf, der die politischen Phrasen mit dem verwechselt, was sie einst bedeutet hatten, plant ein Attentat. Aber was ist ein politischer Mord, wenn die Politik längst schon tot ist? Ein historisches Zitat? Eine Farce?
»Glückliches österreich – Kaum ein Land ist der kritischen Selbstbefragung so hartnäckig aus dem Weg gegangen wie die österreichische Zweite Republik seit dem Zweiten Weltkrieg. Vor der Erinnerung an die braune Vergangenheit flüchtete man sich in die rosige Zukunft.« ( Neue Zürcher Zeitung ) In rosiges Licht getaucht, wird österreich im Jahr 2005 gleich dreimal jubilieren. »60-50-10« lautet die Formel. Dahinter verbergen sich 60 Jahre Gründung der 2. Republik, 50 Jahre Staatsvertrag und 10 Jahre EU-Mitgliedschaft. Robert Menasse, luzider Kritiker der österreichischen Verhältnisse, hat die Zweite Republik von ihren Anfängen an untersucht und kommentiert, seine »Essays machen einem das in seiner Nähe ferne Land einsichtig. Ein vergilbter Vorhang wird beiseite geschoben, ein Fenster geöffnet: Luft und Licht kommen herein« ( Neue Zürcher Zeitung ). Mit den vorliegenden Essays, aktualisiert und um neue Beiträge ergänzt, legt Robert Menasse ein Standardwerk zur österreichischen Geschichte und Politik seit dem Zweiten Weltkrieg vor – jetzt fragt sich, was zu feiern ist.
Erklär mir Österreich
- 175 Seiten
- 7 Lesestunden
Robert Menasse wurde 1954 in Wien geboren und ist auch dort aufgewachsen. Er studierte Germanistik, Philosophie sowie Politikwissenschaft in Wien, Salzburg und Messina und promovierte im Jahr 1980 mit einer Arbeit über den »Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb«. Menasse lehrte anschließend sechs Jahre - zunächst als Lektor für österreichische Literatur, dann als Gastdozent am Institut für Literaturtheorie - an der Universität São Paulo. Dort hielt er vor allem Lehrveranstaltungen über philosophische und ästhetische Theorien ab, u. a. über: Hegel, Lukács, Benjamin und Adorno. Seit seiner Rückkehr aus Brasilien 1988 lebt Robert Menasse als Literat und kulturkritischer Essayist hauptsächlich in Wien.
Der Europäische Landbote
- 110 Seiten
- 4 Lesestunden
Robert Menasse reist nach Brüssel und erlebt eine Überraschung nach der anderen: offene Türen und kompetente Informationen, eine schlanke Bürokratie, hochqualifizierte Beamte und funktionale Hierarchien. Kaum eines der verbreiteten Klischees vom verknöcherten Eurokraten trifft zu. Ganz im Gegenteil, es sind die nationalen Regierungen, die die Idee eines gemeinsamen Europa kurzsichtigen populistischen Winkelzügen unterordnen. Damit werden sie zu Auslösern schwerer politischer und wirtschaftlicher Krisen in der EU. Menasses furioser, dem Geist Georg Büchners verpflichteter Essay fordert nichts weniger als "die Erfindung einer neuen, einer nachnationalen Demokratie".
Im frühen 17. Jahrhundert lebt Manoel Dias Soeiro, das jüngste Kind einer Familie von Marranen, unter der ständigen Bedrohung der Inquisition. Unwissend über seine Herkunft, beteiligt sich Manoel an den grausamen Spielen seiner Altersgenossen. Als seine Eltern von Inquisitoren gefasst werden, beginnt für ihn eine abenteuerliche Flucht, die ihn schließlich nach Amsterdam führt, wo er als Samuel Manasseh ben Israel in die Geschichte eingeht. In der Gegenwart besucht der Historiker Viktor Abravanel, geboren 1955, ein Klassentreffen und sorgt für einen Eklat, indem er Lehrkräfte als ehemalige NSDAP-Mitglieder beschuldigt. In Gesprächen mit seiner Jugendliebe Hildegund reflektiert er tragikomische Erlebnisse seiner Schulzeit. Die beiden Biografien sind eng miteinander verwoben, mit Parallelen zwischen Samuels Flucht vor der Inquisition und Viktors jüdischem Vater, der vor den Nazis fliehen musste. Menasse thematisiert alltägliche Grausamkeiten und private Höllen, die erst im Rückblick erkennbar werden. Sein Roman bietet ein düsteres Bild der Gegenwart, geprägt von Sarkasmus und Groteske. Die historischen Passagen sind packend und einfühlsam geschildert, während die narrative Verbindung zwischen den beiden Lebensgeschichten nicht ganz aufgeht, was dem Werk etwas an innerer Kraft nimmt. Die Erkenntnis bleibt, dass sich Geschichte wiederholt und wir uns selbst in ihr erkennen.



