»Mond scheint ins Zimmer. Nichts ist real. Jeder Augenblick unergründlich, die Welt Kolossales Echo im Labyrinth der Sinne.« Durs Grünbeins Gedichtbände sind dafür bekannt, dass sie ihre Gegenstände in immer weiteren Kreisen erfassen, in ihrer konzentrischen Ausbreitung wie geschaffen für dieses Zeitalter der Globalisierung. Sein neuer Gedichtband folgt dem Plan einer Ausstellung. In sieben Abteilungen werden Arbeiten aus den letzten fünf bis acht Jahren präsentiert. Es sind Bilder einer Reise, Exkursionen in das unbekannte Alltägliche, Selbstporträts und Historienbilder, Studien von Liebe und Sexualleben. In dieser eigenartig schwebenden Dichtung stehen Innenleben und äußere Welt in einer unauflösbaren Spannung: Sie ist das Lebensprinzip des Grünbeinschen Verses. Dabei ist das prägnante Einzelstück, ultimatives Ziel seines Schreibens, nur denkbar als Resultat einer seriellen Praxis. Immer sind diese Gedichte Beispiele einer peinturistischen Poesie. Jedes stellt auf seine Weise die Frage: Was ist Imagination und wie verändert sie unser Bewusstsein?
Durs Grünbein Bücher
Durs Grünbein ist eine herausragende Stimme in der deutschen Lyrik und Essayistik, gefeiert für seine intellektuelle Tiefe und sprachliche Verspieltheit. Sein Werk thematisiert häufig Erinnerung, Geschichte und die Wandlungen der modernen Welt, wobei es eine einzigartige Mischung aus Gelehrsamkeit und Vorstellungskraft widerspiegelt. Über seine originären Beiträge hinaus bereichert Grünbein die literarische Landschaft durch seine aufschlussreichen Essays und Übersetzungen klassischer Werke und festigt damit seinen bedeutenden Einfluss auf die zeitgenössische Literatur.







"In welchem schneebedeckten Jahrhundert, mit Fingern / Steif / auf bereifte Scheiben gemalt, erschien dieser Plan / Zur Berechnung der Seelen?", schrieb Durs Grünbein vor Jahren in einem Gedicht mit dem Titel Meditation nach Descartes. Der Held und das Leitmotiv des Gedichts sind nun zurückgekehrt in Form einer langen Eloge auf den Philosophen. Mehrere Winter lang hat der Autor an einem Poem gearbeitet, das nun vollständig vorliegt mit 42 Cantos, die den Kapiteln eines Romans entsprechen. Vom Schnee umkreist jenen Moment im Leben des René Descartes, da dieser im Winter des Jahres 1619 in einem süddeutschen Städtchen, einer Vision gehorchend, zu philosophieren beginnt. Das Erzählgedicht endet in einem anderen Winter, 30 Jahre später, mit dem plötzlichen Tod des Philosophen. In fortlaufenden Szenen werden Jugend und Reife des großen Denkers an der Schwelle der Neuzeit ineinandergespiegelt nach der Regie eines Traums.Vom Schnee oder Descartes in Deutschland ist vieles. Ein Bilderrätsel; eine Unterhaltung in Versen, eine Hommage an die kälteste Jahreszeit und die Lehre von der Brechung des Lichts. Ein Bericht von den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges und von der Geburt des Rationalismus aus dem Geist des Schnees.
Der Begriff Metapher leitet sich ab vom griechischen metà phérein (anderswo hintragen), was in der Antike meist 'per Schiff' bedeutete, so daß die Seefahrt bald selbst zur Metapher für die Dichtkunst wurde. Das Schiff als Symbol für den Aufbruch, das Wagnis des Lebens, gehört seither zu den beflügelndsten Bildern der Literatur, Meeres- und Tiefseephantasien finden wir nicht nur bei Homer und Melville, sondern auch bei Jules Verne, Baudelaire, T. S. Eliot, ja sogar bei Dante. In 14 Essays spürt Durs Grünbein der Faszination des Meeres nach, nicht nur in Büchern, sondern auch im Museo Archeologico von Paestum und auf dem Grund des Tyrrhenischen Meers.
In seinen vier Vorlesungen, die er als Lord Weidenfeld Lectures im Jahr 2019 in Oxford gehalten hat, setzt sich der Dichter Durs Grünbein mit einem Thema auseinander, das ihn seit jenem Augenblick beschäftigt hat, als er die eigene Position in der Geschichte seiner Nation, seiner Sprachgemeinschaft und seiner Familie als historisch wahrzunehmen begann: Wie kann es sein, dass DIE GESCHICHTE, seit Hegel und Marx ein Fetisch der Geisteswissenschaften, die individuelle Vorstellungskraft bis in die privaten Nischen, bis in den Spieltrieb der Dichtung hinein bestimmt? Will nicht anstelle dessen Poesie die Welt mit eigenen, souveränen Augen betrachten?In Form einer Collage oder »Photosynthese«, in Text und Bild, lässt Grünbein den fundamentalen Gegensatz zwischen dichterischer Freiheit und nahezu übermächtiger Geschichtsgebundenheit exemplarisch aufscheinen: Von der scheinbaren Kleinigkeit einer Briefmarke mit dem Porträt Adolf Hitlers bewegt er sich über das Phänomen der »Straßen des Führers«, also der Autobahnen, hinein in die Hölle des Luftkriegs. Am Schluss aber steht eine erste Erfahrung von Ohnmacht im Schreiben und die daraus erwachsende, bis heute gültige Erkenntnis: »Es gibt etwas jenseits der Literatur, das alles Schreiben in Frage stellt. Und es gibt die Literatur, die Geschichte in Fiktionen durchkreuzt.«
An Seneca, Postskriptum
- 82 Seiten
- 3 Lesestunden
»So ist's: Wir erhalten kein kurzes Leben, sondern haben es dazu gemacht, und es mangelt uns nicht an Zeit, sondern wir verschwenden sie.« Seneca, als Stoiker, widmet sich der Lebenspraxis und dem Streben nach einem gut geführten Leben, das von Vernunft geleitet ist und Affekten widersteht. Sein Ziel ist es, Seelenruhe zu erlangen. Auf die Frage, wie man leben sollte, antwortet er mit Aufforderungen wie »lebe jetzt«, »verschaff dir Muße« und »widme dich der Philosophie« – und nicht der Karriere oder Ablenkung. Sein eigenes Leben war jedoch von Ruhm, Verbannung und Rückzug geprägt. Durs Grünbein bringt den berühmten Text in einen neuen Kontext und beleuchtet die Widersprüche zwischen Senecas Philosophie und seinem Leben. Er fragt, warum ein erwachsener Römer seine Freizeit opfert, um über die Kürze des Lebens zu schreiben. In einem bewegten Brief an Seneca reflektiert Grünbein: »Du hattest recht. Das kurze Leben raunt uns zu: halt an, / Eh die Affekte dich versklaven.« Doch er stellt auch die Frage, was passiert, wenn wir unbelehrbar sind und in uns bei jedem Ja ein Nein regt. Lucius Annaeus Seneca, geboren um 4 v. Chr. in Córdoba, war ein bedeutender philosophischer Schriftsteller und Dichter, der 65 n. Chr. in Rom starb.
Dialog z antykiem jako sposob pojmowania wlasnych doswiadczen w swiecie przelomu XX i XXI wieku wizja rownoczesnosci nierownoczesnego powrot z przyszlosci do prawzoru kultury europejskiej przejeta po Juwenalu bezsennosc w metropolii i medytacje wokol Seneki refleksja o wladzy i archeologia codziennosci polityka i erotyzm zmaganie z twardym tworzywem jezyka i marmurem pomnikow wszystko to sklada sie na wiersze w ktorych starorzymski anachronizm jest arcynowoczesnym narzedziem poetyckim a tytulowy mizantrop na Capri to nie tylko okrutny Tyberiusz lecz takze sarkastyczny wygnaniec podrozujacy w glab dziejow poeta
Durs Grünbeins neues Gedichtbuch ist ein poetisches Erinnerungswerk, zugleich ein Buch der Übergänge und Verwandlungen. In sieben Abteilungen und einer Vielzahl von Versformen entfaltet sich hier ein Bilderbogen zum Weltbild. Gedichte zur Herkunft stehen am Anfang, bevor sich, just im Reisegedicht, die Unheimlichkeit moderner Mobilität erweist. Ein Interludium, Strophen für übermorgen, führt zu jenem zentralen Ort, an dem der Dichter seit einem Vierteljahrhundert zu Hause ist: Transit Berlin. Genau in der Mitte der Metropole (und des Buches) findet sich auf der Museumsinsel die konzentrierte Durchdringung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Doch erneut übt die Ferne ihre Magie. Eine Folge seltsam irreal angelegter 'Charakterstücke' von liedhaftem Sprechgestus begleitet die Überquerung der Alpen in Richtung einer imaginären Antike und führt zur eigentlichen Frage dieser Lyrik: Was ist Imagination? Eine persönliche Bilanz in einer der strengsten lyrischen Formen, im Sonett, zieht der Dichter am Schluß des Bandes: Liebesgedichte und Lebensstudien.
Bleib stehen, Wanderer, und lies!, riefen vor zweitausend Jahren die Grabsteine. Inschriften berichteten von den Vergnügungen der Verstorbenen, ihrem Beruf, Charakter und ihrer Familie. Die Persönlichkeit lebte in gebundener Rede weiter. Heute jedoch bleiben die Eiligen oft bei ein paar Ziffern und einem namenlosen, beziehungslosen Grabstein. Es gibt kein Zwiegespräch mehr zwischen Diesseits und Jenseits, keine Totengeister, die beruhigt werden müssen. Das, was geblieben ist, präsentiert sich in vergesslichen Formeln. In diesen Breiten haben die Toten lange nicht mehr gesprochen. Die Kulturgeschichte kennt Zeiten des Gedenkens und Zeiten der Sprachlosigkeit. In Kulturen, in denen der Tod zum Tabu geworden ist, wird nur indirekt über das Ende gesprochen. Wie der Witz nach Freud seine Beziehung zum Unbewussten hat, offenbart das Geschwätz um den Tod eine anthropologische Enttäuschung. Alles im Griff zu haben, nur das nicht, ist kränkend für das einzige Lebewesen, das sich mit seiner Sterblichkeit nicht abfinden kann. Durs Grünbein, bekannt durch seine Gedichtbände, zieht sich in den Halbdunkel ungewisser Autorschaft zurück. Von dort tritt er als Philologe, Herausgeber und Kompilator seiner Notizbücher hervor. Die 33 Epitaphe singen das Lob der Entfremdung und zeigen, wie lächerlich das Leben in seiner vergeblichen Wiederkehr erscheint. Wo gestorben wird, ohne den Toten Gehör zu schenken, hat schwarzer Humor seinen Augenblick.
Viermal, einer eigenen langen Werkspur und Wahlverwandtschaft mit dem Osten nachgehend, hat Durs Grünbein Japan besucht. Während aller vier Reisen hat er sein Tagebuch in Form von Kurzgedichten geführt. „Mir, der ich nie photographiere, schien das Haiku das probate Gegenstück zum Polaroid. Es sind Bilder der auf der Oberfläche schwimmenden Welt. Nur daß sie in diesem Fall aus nichts als aus Worten gemacht sind. Die Impression wird im nächsten Augenblick Schrift.“ Grünbeins Haikus sind ihrem Genre treu und eigenmächtig zugleich. Obwohl der Dichter von der japanischen Norm in Vers und Strophe ausgeht, verwandelt er sich die fremde Form an, stört dabei die traditionellen Elemente ihrer Bildlichkeit und die sie kennzeichnende Harmonie, durchaus auch drastisch. So entsteht in der fremden Form zwar etwas Privates, ursprünglich nicht für die Publikation Gedachtes, zugleich aber eine Art interkulturelles Gespräch in und mit der Fremde. Das dialogische Prinzip wird in dieser Gesamtausgabe von Grünbeins Haikus durch eine parallele Übersetzung und Verschriftlichung ins Japanische und ein Nachwort seines japanischen Übersetzers verstärkt



