Suhrkamp war nicht nur ein Verlag, sondern auch ein Geschäftsmodell, das Bücher für das kritische Nachkriegsdeutschland produzierte. Unseld, als genialer Unternehmer und Verkäufer, prägte dieses intellektuelle Musterunternehmen. Anlässlich seines hundertsten Geburtstags am 28. September widmet sich die Herbstausgabe der ZIG dem Leben und den wirtschaftlichen Geheimnissen dieses Verlegers. Sie enthält zahlreiche unbekannte Materialien aus dem Marbacher Unseld-Archiv sowie Beiträge von namhaften Autoren wie Mara Delius, Durs Grünbein, Rainald Goetz und vielen anderen. Das Inhaltsverzeichnis umfasst Themen wie Unselds unbedingte Haltung, die Verbindung von Suhrkamp mit Rudolf Alexander Schröder, sowie persönliche Erinnerungen und Reflexionen über die Herausforderungen des Verlegens. Es werden auch kritische Perspektiven zur Rolle des Verlegers und der Angst vor Kritik behandelt. Darüber hinaus bietet die Ausgabe Essays und Gespräche, die sich mit der Ästhetik und dem Einfluss von Suhrkamp auf die Geisteswissenschaften auseinandersetzen. Die Autorinnen und Autoren beleuchten verschiedene Aspekte des Verlags und seiner kulturellen Bedeutung, während sie gleichzeitig Anleitungen zur Gentrifizierung der Geisteswissenschaften bieten. Diese Ausgabe ist eine Hommage an einen der bedeutendsten Verleger des 20. Jahrhunderts und dessen Einfluss auf die deutsche Literatur und Kultur.
Durs Grünbein Reihenfolge der Bücher (Chronologisch)
Durs Grünbein ist eine herausragende Stimme in der deutschen Lyrik und Essayistik, gefeiert für seine intellektuelle Tiefe und sprachliche Verspieltheit. Sein Werk thematisiert häufig Erinnerung, Geschichte und die Wandlungen der modernen Welt, wobei es eine einzigartige Mischung aus Gelehrsamkeit und Vorstellungskraft widerspiegelt. Über seine originären Beiträge hinaus bereichert Grünbein die literarische Landschaft durch seine aufschlussreichen Essays und Übersetzungen klassischer Werke und festigt damit seinen bedeutenden Einfluss auf die zeitgenössische Literatur.







Psyche Running
- 240 Seiten
- 9 Lesestunden
A dazzling selection of more than one hundred poems that trace the development of Durs Grünbein's work over the past two decades. Born in Dresden in 1962, Durs Grünbein is the most significant and successful poet of his generation in Germany. Since 1988, when the then-twenty-five-year-old burst onto the scene with his poetry collection Grauzone morgens--a mordant reckoning with the East Germany he grew up in--Grünbein has published more than thirty books of poetry and prose, which have been translated into dozens of languages. In 2005 the volume Ashes for Breakfast introduced Grünbein to English-language readers for the first time by sampling poetry from his first four collections. Psyche Running picks up where that volume left off and offers a selection of poems from his nine subsequent collections, which shows how Grünbein has developed from his ironic take on the classical into an elegiac exploration of history through dream fragments and poems with a haunting existential unease.
Im Mittelpunkt dieses Berichts steht eine Frau aus einfachen Verhältnissen. Es geht um das Leben von Dora W., die aus Schlesien nach Dresden kommt, mit sechzehn Mutter wird und mit fünfundzwanzig den Untergang der Stadt im Bombenkrieg miterlebt. Ziegenhüterin auf dem Lande, dann Ladenmädchen und Gärtnereigehilfin in einer niederschlesischen Kleinstadt sind ihre ersten Lebensstationen, bevor sie in dem Schlachtergesellen Oskar den Mann fürs Leben findet und ihm nach Dresden folgt, um dort eine Familie zu gründen. Eine kurze Zeit ist ihr dort geschenkt; es sind ihre goldenen Jahre, wie es scheint, aber dann stürzt die Perspektive, und es ereilt sie wie alle anderen der Krieg und mit ihm das Ende Dresdens in einer von Großmachtstreben und Rassenwahn vergifteten Gesellschaft. Mit ihrer Geschichte verfolgt der Autor ein Einzelschicksal im historischen Kontext vor und nach dem Einmarsch des Nationalsozialismus in jedes einzelne Leben. Was macht die Diktatur aus den Menschen, die ihren Anforderungen kaum gewachsen sind und sich recht und schlecht durchschlagen? Dabei gewinnt das Auftauchen des Halleyschen Kometen im Jahre 1910, der Weltuntergangsphantasien befeuerte, eine symbolische Bedeutung für die Vernichtung der sächsischen Metropole im Feuersturm des Februars 1945. Am Beispiel von Dora W. wird erzählt, wie Geschichte den Geschichtslosen widerfährt, zuletzt als Schrecken und zu späte Einsicht.
»Intercom« heißt eine Anlage, die zur Übermittlung von Sprache mithilfe elektrischer Signale dient – ähnlich einem Telefon. Für die Verbindung muss jedoch kein Hörer abgenommen werden, weshalb die Sprechanlage oft eingesetzt wird, um eine unabhängige zusätzliche Gesprächsebene zu schaffen. Nach dem gleichen Prinzip gehen der Künstler Via Lewandowsky und der Dichter Durs Grünbein vor. Bilder von nahen und fernen Schauplätzen, die Lewandowsky auf verschiedenen Reisen aufgenommen hat, werden in einem zweiten Gang beschriftet. Die Fotografien zeigen ein breites Spektrum an Motiven, Objekten und Erinnerungsorten einer globalisierten Welt: Landschaften, Häuser, Städtebilder und Interieurs, die von der An-, mehr aber noch von der Abwesenheit der Menschen zeugen. Diese Spuren sowohl in der Zivilisation als auch in der entstellten Natur sind das Unheimliche an all diesen Orten. Intercom ist eine jahrelange Gemeinschaftsarbeit: Lewandowsky gibt ein Bild vor, wählt damit das Motiv aus, und Grünbein verfasst dazu einen freien Kommentar in kurzer Form, meist erzählerischer, auch halb dokumentarischer Prosa. Bild und Text ergänzen sich wie zwei Stimmen in der Wechselrede über die Sprechanlage.
Durch Geschichte und Gegenwart verfolgt Durs Grünbein in diesem neuen, seinem zwölften Gedichtband seinen Kurs des Poetisch-historischen Gedichts. Als Spurensicherung, Ortsbestimmung versteht der Dichter seine Streifzüge durch Zeiten und Räume, in denen er nicht nur Deutschland, sondern auch dem Gegenpol vieler Deutscher, Italien, und in beiden Ländern sich selbst begegnet. Immer, hier wie dort, kreuzt Vergangenheit den Weg des Wanderers. Durch Mörderreviere führen seine Verse ebenso wie über Lichtungen, zu Tauchgängen im Mittelmeer wie auf gesamtdeutsche Sandpfade und betonierte Magistralen, zwischen Kiesgruben und Flakbunkern, entlang der Ost-West-Achse des unruhigen, wieder mit Kriegen konfrontierten Kontinents. Dass bei solchen Eindrücken der europäische Gedanke ins Spiel kommt – als Realität und Utopie –, wird niemanden wundern, der Grünbein auf seinen Wegen gefolgt ist. »Für alle Fälle kann Dichtung auch das sein: ein Gerät zum Einfangen der Zukunft.« In seinen Versen verbindet sich die genaue Betrachtung kleiner Dinge mit der feinen Ironie eines Beobachters, dem gerade das unter den großen Themen oft Verschüttete am Herzen liegt. Mit wenigen Strichen ein Gedicht zu zeichnen, ist seine mit den Jahren gereifte Kunst.
For the Dying Calves
- 164 Seiten
- 6 Lesestunden
Poetically written and originally given as lectures, this is a moving essay collection from Durs Grünbein. In his four Lord Weidenfeld Lectures held in Oxford in 2019, German poet Durs Grünbein dealt with a topic that has occupied his mind ever since he began to perceive his own position within the past of his nation, his linguistic community, and his family: How is it possible that history can determine the individual poetic imagination and segregate it into private niches? Shouldn't poetry look at the world with its own sovereign eyes instead? In the form of a collage or "photosynthesis," in image and text, Grünbein lets the fundamental opposition between poetic license and almost overwhelming bondage to history appear in an exemplary way. From the seeming trifle of a stamp with the portrait of Adolf Hitler, he moves through the phenomenon of the "Führer's streets" and into the inferno of aerial warfare. In the end, Grünbein argues that we are faced with the powerlessness of writing and the realization, valid to this day, that comes from confronting history. As he muses, "There is something beyond literature that questions all writing."
In seinen vier Vorlesungen, die er als Lord Weidenfeld Lectures im Jahr 2019 in Oxford gehalten hat, setzt sich der Dichter Durs Grünbein mit einem Thema auseinander, das ihn seit jenem Augenblick beschäftigt hat, als er die eigene Position in der Geschichte seiner Nation, seiner Sprachgemeinschaft und seiner Familie als historisch wahrzunehmen begann: Wie kann es sein, dass DIE GESCHICHTE, seit Hegel und Marx ein Fetisch der Geisteswissenschaften, die individuelle Vorstellungskraft bis in die privaten Nischen, bis in den Spieltrieb der Dichtung hinein bestimmt? Will nicht anstelle dessen Poesie die Welt mit eigenen, souveränen Augen betrachten?In Form einer Collage oder »Photosynthese«, in Text und Bild, lässt Grünbein den fundamentalen Gegensatz zwischen dichterischer Freiheit und nahezu übermächtiger Geschichtsgebundenheit exemplarisch aufscheinen: Von der scheinbaren Kleinigkeit einer Briefmarke mit dem Porträt Adolf Hitlers bewegt er sich über das Phänomen der »Straßen des Führers«, also der Autobahnen, hinein in die Hölle des Luftkriegs. Am Schluss aber steht eine erste Erfahrung von Ohnmacht im Schreiben und die daraus erwachsende, bis heute gültige Erkenntnis: »Es gibt etwas jenseits der Literatur, das alles Schreiben in Frage stellt. Und es gibt die Literatur, die Geschichte in Fiktionen durchkreuzt.«
Provokativer könnte ein poetischer Buchtitel nicht sein, und doch lässt der Dichter an einem nicht zweifeln: »Ganz insgesamt wird das, was man die Realität nennt, überschätzt.« Im ersten Teil seines Buches steuert er mit aller Kraft der Imagination in die Sturmzone jener Realität, die den meisten als das Maß aller Dinge erscheint. Der Widerspruch zwischen Realität und Traum zeigt sich im Untergang der DDR und den Metamorphosen ihrer Gesellschaft bis heute. An den Gegensätzen von Freiheit und Solidarität einerseits, Hass und Spaltung andererseits, entwickelt der Autor im zweiten Teil seine Idee eines phantasiegeleiteten Widerstands gegen den Fetisch kruder Realität. Wo lägen Traum und Wirklichkeit näher beisammen als in der Kunst? In einer dritten Sektion wendet sich der Autor den Dichtern und Philosophen zu, deren Ästhetiken und Ideen seine eigenen Vorstellungen geprägt haben. Der Bogen spannt sich von der Antike bis zur Gegenwart, von Ovid über Pascal und Descartes bis Celan. Durs Grünbeins neues Werk ist eine Sammlung von Schriften verschiedener Genres: Aufsätze, Reflexionen, Reden, Traumnotizen, Vorträge, Sprechertexte und Gedichte. Diese Sammlung ist aus der speziellen Arbeitsweise des Dichters entstanden und lädt dazu ein, auf jeder Seite gewinnbringend aufgeschlagen zu werden.
Das Jahr 1990 freilegen
- 592 Seiten
- 21 Lesestunden
Der Vergleich der Jahre 1989 und 1990 zeigt, dass sie in der kollektiven Erinnerung sehr unterschiedlich präsent sind. Während sich die meisten schnell an 1989 erinnern können und die dramatischen Ereignisse dieses Herbstes leicht nachzuvollziehen sind, wirkt 1990 wie ein blinder Fleck. Die Erinnerungen an dieses Jahr sind schwer zu fassen, da sie von den sich überschlagenden Ereignissen, unerfüllten Wünschen und unacknowledged Kränkungen geprägt sind. Das Jahr 1990 freilegen beschäftigt sich mit den verschiedenen Facetten dieses Jahres und ihrer heutigen Relevanz. Es kombiniert Bilddokumente und Stimmen aus 1990 mit essayistischen Reflexionen und Geschichten, die aus der Perspektive der Gegenwart auf dieses Jahr zurückblicken.
Zündkerzen ist eine Sammlung von 83 Gedichten in den unterschiedlichsten Formen, variierend in kurzen und langen Zeilen. Es sind Traumstücke, Redepartikel, Prosagedichte, zerbrochene Sonette, Sequenzen wie aus Unfallprotokollen. Jedes dieser Stücke entzündet sein eigenes Leuchten, seine kleine oder größere Epiphanie. Hier schreibt ein Dichter, der keiner Schule angehört, keiner modischen Strömung – ein Beobachter des Realen, neugierig auf die diesseitigen Dinge, hellwach für ihr Verschwinden. Zwei Langgedichte ziehen mächtige Stützpfeiler in die Struktur der Sammlung – reine Anschauung einer südlichen Metropole: Das Photopoem , Elegie vom musealen Leben: Die Massive des Schlafs . Es gibt Liebesgedichte, erotisch direkt, ebenso wie Momente der Verlusterfahrung als Demontage der Sonettform. Ein Gedichtzyklus über die Pinie nähert sich reiner Lautmusik und wird zum Verbarium, in dem die Buchstaben tanzen. Zündkerzen sind Dinge, keine Ideen und erst recht keine Konzepte.




