Mit keinem anderen literarischen Œuvre hat sich Derrida so ausführlich beschäftigt wie mit dem Maurice Blanchots, der unter französischen Intellektuellen bereits seit langem einen legendären Ruf genießt, im deutschsprachigen Raum jedoch bisher kaum rezipiert wurde. In den vier Texten, die der Band versammelt, setzt sich Derrida in jeweils höchst unterschiedlicher Weise der Faszination aus, die von den Erzählungen Blanchots ausgeht. Ohne Fragen akademischer Literaturwissenschaft auszuklammern, beschreiten seine Arbeiten „literarische“, von Blanchot infizierte Wege: Es sind Lektüren, die sich ausdrücklich auf „verrückte“ Hypothesen stützen – so der Versuch, Percy Bysshe Shelleys Gedicht Triumph of Life mithilfe einer Erzählung Blanchots lesbar zu machen, oder gespensterhafte Dialoge, die rigoros dem Funktionieren kleinster sprachlicher Partikel nachspüren und dabei Grundfragen der Literatur - ebenso wie der Sprechakt - und der Übersetzungstheorie aufwerfen.
Jacques Derrida Bücher
Jacques Derrida, der Begründer der „Dekonstruktion“, bot eine Methode zur Kritik sowohl literarischer und philosophischer Texte als auch politischer Institutionen. Obwohl Derrida manchmal sein Bedauern über das Schicksal des Wortes „Dekonstruktion“ äußerte, zeigt dessen Popularität den weitreichenden Einfluss seiner Gedanken in Philosophie, Literaturkritik, Kunst und insbesondere Architektur- und Politittheorie. Dekonstruktion zielt darauf ab, den Unterschied neu zu denken, der die Selbstreflexion spaltet, aber vor allem versucht sie, das schlimmste Unrecht zu verhindern und Gerechtigkeit anzustreben. Dieses Streben ist unerbittlich, da Gerechtigkeit letztlich unerreichbar bleibt.







'Ich schreibe, ohne es zu sehen. Ich bin gekommen. Ich wollte Ihnen die Hand küssen. Es ist das erste Mal, das ich im Dunkeln schreibe, ohne zu wissen, ob ich Buchstaben bilde. Überall, wo nichts auf dem Blatt stehet, sollen Sie lesen, dass ich Sie liebe'. Mit diesem Zitat aus einem Brief Diderots an Sophie Volland eröffnet Jacques Derrida seinen brillanten Essay über Malerei, Zeichnung, Visionen, Blindheit, Selbstportraits, Vaterschaft, Konversionen, Konfessionen und Tränen. In den Aufzeichnungen eines Blinden geht es um das Sehen in der Malerei und Zeichnung und dessen Zusammenhang in einem Sehen jenseits der Sinne: visionäre Einsichten oder Erleuchtungen, die in der Malerei oft als Blendung und Erblinden dargestellt werden. Der Künstler sieht nicht, was er darstellt, so Derridas These, er arbeitet blind aus dem Gedächtnis und für das Gedächtnis.
In seinem persönlichsten Gespräch gesteht uns Derrida sein lebenslanges Ringen mit zwei klassischen Topoi der Philosophie ein, indem er sagt: „Ich habe niemals leben gelernt“ und: „Ich habe nicht gelernt, den Tod zu akzeptieren“. Reflexionen über die Figuren der „Generation“, der „Treue“ und des „Erbes“ kreisen immer wieder um den zentralen Begriff des „Überlebens“, das nicht zum Leben oder Sterben hinzutritt, sondern etwas „Ursprüngliches“ ist („Leben ist Überleben“) und letztlich sogar als das „Leben in seiner größtmöglichen Intensität“ bezeichnet werden kann. In Auseinandersetzung mit aktuellen geopolitischen Themen, die auch mit einer neuen Verantwortung „Europas“ verbunden sind, sowie in der erklärten Leidenschaft für die Sprache erweist sich Derrida erneut als vehementer Verteidiger der Komplexität und des Aporetischen gerade auch in den medialen Diskursen, als Verteidiger eines „unbestechlichen Ethos des Schreibens und Denkens“.
Ein Zeuge von jeher
- 39 Seiten
- 2 Lesestunden
Ein Nachruf und eine Antizipation. Blanchots ebenso nüchterne wie luzide Schreibweise, die unablässig die Bedingungen ihrer eigenen Möglichkeit befragt, hat den verschiedensten Bereichen ihre Spuren eingegraben: Literatur und Philosophie, Psychoanalyse, Theorie der Sprache, Geschichte und Politik. Nichts, was das vergangene Jahrhundert in Unruhe versetzt hat, keine seiner Erfindungen und Kataklysmen, seiner Mutationen, seiner Revolutionen und Monstrositäten ist der hohen Spannung seines Denkens und seiner Texte entgangen. Auf all das hat er geantwortet, indem er sich einer unerbittlichen Weisung unterwarf. Er tat das ohne den Schutz einer Institution, jenseits der Universität oder einer anderen von der Macht begünstigten Gruppierung. In seinem Nachruf auf den toten Freund betont Jacques Derrida, dass sich die manchmal unsichtbare Strahlkraft von Blanchots Werk nicht mit Begriffen wie „Einfluss“ oder „Gefolgschaft“ definieren lässt. Blanchot hat nicht „Schule gemacht“. Sein Erbe hat sich ins Denken derer, die ihm nah waren, tiefer und inwendiger eingegraben als der „Einfluss“ eines „Lehrers“.
Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft - 1778: Schurken
- 219 Seiten
- 8 Lesestunden
»Was geschieht«, so fragt Derrida, »mit den Begriffen der ›Politik‹, des ›Kriegs‹ und des ›Terrorismus‹, wenn das alte Gespenst der staatlichen Souveränität seine Glaubwürdigkeit verliert?«
Vergessen wir nicht - die Psychoanalyse!
- 233 Seiten
- 9 Lesestunden
Daß die Psychoanalyse inzwischen auch unter Philosophen ein wenig aus der Mode gekommen ist, ficht ihn nicht an, veranlaßt ihn vielmehr, noch deutlicher offenzulegen, was ihn selbst an der Psychoanalyse berührt. Das zeigen die hier versammelten Texte aus den Jahren 1988 bis 1991. Aus Liebe zu Lacan (1990) ist trotz aller massiven Kritik ein entschiedenes Plädoyer für einen neuen Schwung in der philosophischen Auseinandersetzung mit dem Lacanschen Werk. Mit »Gerecht sein gegenüber Freud« nimmt Derrida - nach fast dreißig Jahren - die Beschäftigung mit Foucaults frühem Hauptwerk Wahnsinn und Gesellschaft wieder auf. Der Vortrag Widerstände schlägt den Bogen vom Motiv des Widerstands in Theorie und Praxis der Psychoanalyse bis zum Widerstand gegen die Psychoanalyse.
Heidegger
Philosophische und politische Tragweite seines Denkens. Das Kolloquium von Heidelberg
- 160 Seiten
- 6 Lesestunden
Welche Konsequenzen hat Heideggers Verhältnis zum Nationalsozialismus für die Deutung seines philosophischen Werks? Jacques Derrida, Hans-Georg Gadamer und Philippe Lacoue-Labarthe gingen bereits lange vor dem Erscheinen der „Schwarzen Hefte“ dieser Frage nach. Am 5. und 6. Februar 1988 fand in der Universität von Heidelberg das Kolloquium „Heidegger: Portée philosophique et politique de sa pensée“ statt. Im selben Hörsaal, in dem Heidegger 1933 seine „Rede über die Universität im neuen Reich“ gehalten hatte, sprachen drei der besten Heidegger-Exegeten – Jacques Derrida, Hans-Georg Gadamer und Philippe Lacoue-Labarthe – über die Frage der Deutung von Heideggers Werk vor dem Hintergrund seiner Verbindung zum Nationalsozialismus. Die aus dem Stegreif gehaltenen Beiträge stießen auf großes Publikumsinteresse und fanden ein breites Echo, nicht zuletzt, weil Derrida und Gadamer nach ihrer Begegnung im Jahr 1981 in Paris erstmals wieder das öffentliche Gespräch aufnahmen. Außerdem war kurz zuvor in Frankreich Víctor Farías" vieldiskutiertes Buch über Heideggers Verstrickungen in das NS-Regime erschienen. Die nach wie vor heftig umstrittene Thematik wird von den drei Philosophen differenziert und facettenreich ausgeleuchtet.
Adieu
- 169 Seiten
- 6 Lesestunden
Emmanuel Lévinas, 1995 gestorben, wurde mit seiner Philosophie weit über die Grenzen Frankreichs und seiner Fachkollegen hinaus bekannt. Er war derjenige, der wie kein anderer die Ethik zurückbrachte zu den Menschen, von denen sie spricht. Jacques Derrida gibt in seinem Buch eine Einführung in das Werk von Lévinas und nimmt mit seiner Totenrede Abschied von einem Freund und Lehrer.
Das Problem der Genese in Husserls Philosophie
- 351 Seiten
- 13 Lesestunden
Mit dieser in den Jahren 1953–54 zur Erlangung des Diplôme d'études supérieures verfassten Abhandlung beschreibt Jacques Derrida die »unübertreffbare Genauigkeit« und zugleich das »irreduzible Ungenügen« der husserlschen Philosophie der Genese. In einem nüchternen, beinahe »algebraischen« Stil legt der erst 23-jährige Derrida in den unterschiedlichen Etappen von Husserls phänomenologischer Archäologie eine, hier noch von ihm als dialektisch bezeichnete, ursprüngliche Synthese der Genese frei. Die in minutiösen Analysen fassbar gemachte Unmöglichkeit, diese Synthese für einen einfachen Anfang der Phänomenologie zu reduzieren, verweist für ihn auf die Endlichkeit des Denkens, das sich ursprünglich mit seiner Existenz vermengt. Und so wird Derrida am Schluss seiner Abhandlung Husserls Worte vom Vorabend seines Todes zitieren, in denen sich seine zu keinem Ende kommende philosophische Suche nach einem reinen Anfang mit dem Ende seines eigenen Lebens verbindet: »Ich habe nicht gewusst, dass das Sterben so schwer ist. […] Fertig sein heißt von vorne anfangen.«

