Ingeborg Bachmanns literarisches Schaffen, von Lyrik über Prosa bis hin zu Hörspielen und Essays, zielte auf eine Transformation von Wahrnehmung und Bewusstsein ab, um Leser in neue Erfahrungen, auch des Leidens, einzubeziehen. Ihre eindringliche Darstellung weiblicher Subjektivität in einer von Männern dominierten Gesellschaft löste eine neue Rezeptionswelle aus. Bachmann, die anfangs für ihre Lyrik gefeiert wurde, wandte sich zunehmend der Prosa zu und erforschte die Unzulänglichkeit der Welt und die Sehnsucht nach einer neuen, wahreren Ordnung. Ihre oft experimentellen Werke enthüllen von patriarchalen Strukturen beschädigte Frauen und diagnostizieren die Krankheit der Zeit, wobei sie den Ursprung des Faschismus in zwischenmenschlichen Beziehungen sieht.
Ingeborg Bachmann (1926–1973) schuf mit ihrer Lyrik, Essayistik und ihrer umfangreichen Prosa eines der eindrucksvollsten schriftstellerischen Werke ihrer Generation. Die vierbändige Ausgabe versammelt alle wichtigen Texte in neuer Ausstattung.
Ingeborg Bachmann, geb. 1926 in Klagenfurt, zählt zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der deutschsprachigen Nachkriegsgeneration. Ihr Werk umfaßt Romane, Kurzprosa und Lyrik, aber auch Übersetzungen aus dem Italienischen. 1964 wurde ihr der Georg-Büchner-Preis verliehen. Sie starb 1973 in Rom.
Ingeborg Bachmann stand mit zentralen Protagonistinnen der deutschsprachigen Literatur in Kontakt. Ihre Briefwechsel mit Marie Luise Kaschnitz, Hilde Domin und Nelly Sachs, die hier erstmals zugänglich gemacht werden, geben einen eindrucksvollen Einblick in die Lebensbedingungen, das literarische Schaffen, die Poetik und das politische Engagement schreibender Frauen nach 1945. Über Generationen und Grenzen hinweg entstehen zwischen den Briefpartnerinnen unterschiedliche Beziehungen: die in Rom beginnende Freundschaft Bachmanns mit Marie Luise Kaschnitz, die pragmatische Zusammenarbeit mit Hilde Domin und das lyrische Gespräch mit Nelly Sachs. Gemeinsam ist den Briefwechseln vor allem die Frage, wie nach der Shoah weitergelebt und weitergeschrieben werden kann. Der Kommentar erläutert die Briefe vor dem Hintergrund von Zeitgeschichte und Literaturbetrieb und versucht, von heute aus, die Werke dieser Autorinnen miteinander ins Gespräch zu bringen.
Vom dichterischen Schaffen Ingeborg Bachmanns nicht zu trennen sind ihre essayistischen Texte. Philosophische Reflexionen, Reden anlässlich ihrer Preisverleihungen, Städteimpressionen und Porträts ihrer Zeitgenossen geben im Skizzenhaften Einblick in die »Werkstatt« der Schriftstellerin. Die essayistischen Texte geben ein eindrucksvolles Zeugnis unermesslicher Belesenheit.
Die Liebesbeziehung zwischen den beiden bedeutendsten deutschsprachigen Dichtern nach 1945 beginnt im Nachkriegswien. Während Bachmann dort Philosophie studiert, ist Wien für Celan eine Zwischenstation. Im Mai 1948 lernen sie sich kennen, bevor er Ende Juni nach Paris geht. Ihr Briefwechsel nach der Trennung beginnt zögerlich und entwickelt sich in dramatischen Phasen, jede geprägt von eigenem Ton, Themen, Hoffnungen und Schweigen. Ende 1961 bricht der Austausch ab, als Celans psychische Krise während der „Goll-Affäre“ eskaliert.
Der Briefwechsel von 1948 bis 1961 (der letzte Brief datiert aus Juni 1967) ist ein bewegendes Zeugnis einer Liebe nach Auschwitz, geprägt von Störungen und Krisen, die aus ihren unterschiedlichen Herkunft und Lebensentwürfen resultieren. Es ist ein Ringen um Freundschaft oder zumindest um irgendeine Beziehung. Ergänzend sind die Korrespondenzen zwischen Bachmann und Gisèle Celan-Lestrange sowie zwischen Celan und Max Frisch in den Band aufgenommen, was einen umfassenderen Einblick in die komplexen Beziehungen und den literarischen Austausch dieser Zeit bietet.
Ingeborg Bachmanns Werk zählt längst zum bedeutendsten Kanon innerhalb der modernen deutschsprachigen Literatur. Diese repräsentative Auswahl aus ihrem Werk - Gedichte, Erzählungen, Essays und das berühmte Hörspiel "Der gute Gott von Manhattan" - hat die Autorin vor ihrem Tod noch selbst zusammengestellt.
»Senza casa«. Autobiographische Skizzen, Notate und Tagebucheintragungen
336 Seiten
12 Lesestunden
Autobiographische Versuche, ›Kriegstagebuch‹ und bislang unveröffentlichte Selbstzeugnisse sowie das ›Neapolitanische Tagebuch‹ aus Bachmanns aufregender frühen Zeit als freie Schriftstellerin: Aus diesen Texten, erstmals versammelt im neuen Band der Salzburger Bachmann Edition, lassen sich bisher unbekannte biographische Einblicke gewinnen; stereotype und medial vermittelte Bilder der Autorin werden in Frage gestellt und korrigiert. Sichtbar werden die Schattenseiten eines Vagabundierens zwischen vielen Orten und Sprachen – von der italienischen Wohngemeinschaft mit Hans Werner Henze auf Ischia und in Neapel über Aufenthalte in Wien, Klagenfurt, Paris und Rom bis zu Lesereisen durch Deutschland. Deutlich erkennbar wird die Spannung zwischen der Utopie eines freien Künstlerlebens und der Sorge um das ökonomische Überleben. Die vielen bruchstückhaften Notate und Textsorten spiegeln ein buchstäblich ›verzetteltes‹ Leben wider, das Wagnis, sich einem ungesicherten Dasein auszusetzen. Aus ihnen spricht die intime Stimme eines Ich, die ebenso spontan und unmittelbar wie auch zögernd, manchmal hart und apodiktisch wirkt und die im Lauf der Jahre zunehmend brüchiger und fragiler wird. In ihrer Poetik der ›Übergängigkeit‹ von Kunst und Leben eröffnet sich Bachmann einen Experimentier- und Erfahrungsraum für eine Existenz »senza casa«.