Eine Philosophie nach Freud muß sich zu einer Anerkenntnis des Anderen der Vernunft durcharbeiten. Diese Arbeit an Kant zu leisten bietet sich an. Kant gilt als paradigmatische Figur, als Vollender der deutschen Aufklärung. Und Kant ist der Philosoph, der heute in allen Lagern und Schulen die gleiche Achtung genießt. Das Buch der Brüder Böhme schildert den sozio- und psychogenetischen Konstitutionszusammenhang, der das Denken der Aufklärung bestimmt.
Hartmut Böhme, Prof. Dr. phil., geboren 1944. Studium der Germanistik, Philosophie, Evangelischen Theologie und Pädagogik. Promotion 1973. 1977 – 1993 Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Hamburg. 1990 – 1992 Fellow am Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen. Seit 1993 Professor für Kulturtheorie und Mentalitätsgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Gastprofessor in New York 1996 und 1998 sowie in Japan 2022. Projektleiter im DFG-Sonderforschungsbereich «Kulturen des Performativen». Betreuer im Graduierten-Kolleg «Codierungen der Gewalt im medialen Wandel» (seit 1999). Dekan von 2000 bis 2002. Ab 2005 Sprecher des DFG-Sonderforschungsbereich «Transformationen der Antike».
Rekonstruiert werden die kulturellen und wissenschaftshistorischen Prozesse von biblischer Zeit bis zur Gegenwart, durch die der Fetischismus zu einem Zentrum der europäischen Kulturen wurde. Fetischismus sollte das «primitive» Verhalten in außereuropäischen Gesellschaften oder bei «perversen» und «entfremdeten» Minderheiten erfassen. Doch das, was archaisch und unaufgeklärt schien, wird zunehmend als das Gegenwärtige, Eigene und Nahe entdeckt. Jean Paul nennt es «dieses wahre innere Afrika», Marx das «Geheimnis der Ware», Freud «das innere Ausland». Dies ist die fetischistische Kultur, in der wir leben. Von hier aus erscheint die Moderne in neuer Sicht. Sie beendet nicht, sondern universalisiert den Fetischismus, der nicht nur in Massenkultur und Konsum, sondern auch in der Politik oder Sexualität triumphiert. Dass der Fetischismus aus der Moderne nicht wegzudenken ist, erklärt sich auch aus der vergessenen Bedeutung, welche die stummen Dinge im Aufbau der Kultur einnehmen.
Die Rede von der Natur ist heute in vielfacher Weise problematisch geworden. Das geht mitunter so weit, dass von einer vorauszusetzenden Natur gar nicht mehr gesprochen werden kann. Hartmut Böhme fragt in seinem grundlegenden Essay daher zunächst, was es heißt, in einer Epoche »nach der Natur« zu leben. Anschließend diskutiert er die wichtigsten Ansätze der Naturbetrachtung : den kulturalistischen Ansatz, die neodarwinistische Ästhetik, die Dekonstruktion von Natur, Natur im Zeichen der ›life sciences‹, den ökologischen Konstruktivismus, das Verfahren des »gendering nature« sowie schließlich den alten Kant'schen Ansatz einer »Technik der Natur«. Vor diesem Hintergrund werden von Bruegel bis Beuys bildkünstlerische Beispiele vorgestellt, die die jüngst vertretenen Thesen über die Unfähigkeit der westlichen Kultur, die Verflochtenheit von Natur und Kultur zu denken, widerlegen. Es zeichnen sich im Gegenteil gerade im europäischen Kontext Elemente der Entdeckung, Gestaltung und Achtung der Natur ab, die für die Zukunft der Geo-Ästhetik unverzichtbar sind.
Hartmut Böhme untersucht die enge Verbindung von Kunst und Wissenschaft zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert. Bilder dienten nicht nur der Wissensdarstellung, sondern generierten Wissen. Die Studie zeigt, wie Kunst zur Entwicklung der New Sciences beitrug und wie diese Wissenschaften die Künste beeinflussten, wodurch eine neue epistemische Professionalität entstand.
Der Fetischismus ist ein Schlüsselphänomen der modernen Gesellschaften. Er bestimmt nicht nur religiöse und mentale Formationen, sondern auch die libidinösen Objektbeziehungen in der Konsum- und Massenkultur. Bemerkenswert unterbelichtet sind die Spielarten fetischistischer Formen und Praktiken in den Künsten, Medien und Literaturen. Diese Lücke schließt 'Der Code der Leidenschaften'. Das Phänomen des Fetischismus ist gewiss älter als sein Diskurs. Er ist ein Leitfossil unserer Kultur. Seit es die Verkultung von Kunstobjekten oder Künstlern gibt, also seit der Renaissance, wissen Kritiker und Interpreten, dass es nicht nur um Geschmacksurteile, Stilkritik, Form- und Gattungsanalyse, um die Ermittlung von Bedeutungen oder die Situierung von Werken in kulturellen Kontexten geht. Die Faszinationsgeschichte, durch die Leser und Betrachter mit Werken und ihren Schöpfern verbunden sind, ist auch eine Geschichte der ebenso grandiosen wie skurrilen Passionen, welche die Rezipienten an Objekte der Kunst oder an ihre Autoren fesseln – auf durchaus erklärungsbedürftige Weise. Der vorliegende Band soll die Spielarten der fetischistischen Mechanismen in den Künsten erkunden und dabei die Codes der Leidenschaften entziffern, die das Kraftfeld zwischen Künstlern, Werken, Sammlungen und Rezipienten bestimmen. In diesem Sinn sind die einzelnen Beiträge zweierlei: fachwissenschaftliche Analysen künstlerischer und literarischer Prozesse und zugleich auch Beiträge zu einer allgemeinen Geschichte der fetischistischen Praktiken unserer Kultur.