Nur wenige Autoren des 20. Jahrhunderts haben eine so nachhaltige Resonanz bei einer breiten Leserschaft gefunden wie Franz Kafka, dessen Werke intensiver analysiert werden als die vieler anderer Schriftsteller. Diese Arbeit setzt die Untersuchungen von Adorno, Anders, Martini und Emrich fort und baut auf ihren Erkenntnissen auf. Bei Kafka gibt es keinen wesentlichen Unterschied zwischen Lebensdokument und dichterischem Werk, da das Persönlichste und Intimste in Metaphern und Erzählungen übergeht. Kafka erklärt nicht, sondern zeigt und projiziert, wie es ein Traum tut. Alles in seinen Texten ist Ausdruck eines inneren Geschehens, das sich äußerlich manifestiert. Seine Welt zeichnet sich durch eine verblüffende Originalität aus, da allgemeine kulturelle Normen und empirische Konventionen fehlen. Der Fokus dieses Bandes liegt nicht auf der Deutung Kafkas, sondern auf der Erhellung seiner Kunst der Aussage. Die zentrale Frage lautet nicht, was Kafkas Gestalten und Bilder bedeuten, sondern was sie in seinen Werken tun, welche erzählerische Funktion sie besitzen und welche Zusammenhänge sie schaffen. Die Bedeutung Kafkas liegt in dem, was sein Werk sagt, nicht in dem, worauf es hinweist.
Walter Herbert Sokel Bücher
17. Dezember 1917 – 1. Januar 2014

