Alvise Lanzi ist zum vierten Mal Witwer geworden, innerhalb von nur dreißig Jahren. Im Venedig des ausgehenden 18. Jahrhunderts ist nichts so, wie es scheint. Die Stadt gleicht einem berauschenden Fest, es ist niemandem zu trauen. Gabrielle Wittkops neuer Roman ist eine Hommage an die untergehende Stadt Venedig und zugleich ein raffiniertes ästhetisches Vergnügen.
Nobelpreis für Literatur 2022
Ein Schwarz-Weiß-Foto zeigt ein Mädchen in einem dunklen Badeanzug auf einem Kieselstrand, im Hintergrund eine Steilküste. Sie sitzt auf einem flachen Stein, die Beine ausgestreckt, die Arme auf den Felsen gestützt, die Augen geschlossen und lächelt. Ihr dicker Zopf fällt über die Schulter, der andere verschwindet hinter ihrem Rücken. Offensichtlich imitiert sie die Pose von Filmstars, um ihrem unreifen Kleinmädchenkörper zu entfliehen. Auf ihren Schenkeln und Oberarmen ist der Abdruck eines Kleides sichtbar, was darauf hindeutet, dass ein Ausflug ans Meer für sie selten ist. Der Strand ist menschenleer. Auf der Rückseite steht: August 1949, Sotteville-sur-Mer.
Die Erzählung umfasst Kindheit in der Nachkriegszeit, die Algerienkrise, akademische Laufbahn, das Schreiben, eine schwierige Ehe, Mutterschaft, de Gaulle, das Jahr 1968, Krankheiten und Verluste, die Emanzipation der Frau, Frankreich unter Mitterrand, Globalisierung und die unerfüllten Verheißungen der Nullerjahre. Durch Fotografien, Erinnerungen und Objekte vergegenwärtigt Annie Ernaux die vergangene Zeit und schreibt ihr Leben in eine neuartige Form einer kollektiven, „unpersönlichen Autobiographie“.
So entsteht ein melancholisches Meisterwerk der Gedächtnisliteratur und ein schillerndes Porträt der Gesellschaft.