Der reine Krieg
- 171 Seiten
- 6 Lesestunden
Paul Virilio war ein Kulturtheoretiker und Urbanist, der vor allem für seine Schriften über Technologie in Bezug auf Geschwindigkeit und Macht bekannt ist. Sein Werk schöpft aus vielfältigen Bezügen zur Architektur, zu den Künsten, zur Stadt und zum Militär, um zu untersuchen, wie diese Elemente unser Weltverständnis prägen. Virilio untersuchte die Auswirkungen der ständigen Beschleunigung auf Gesellschaft und Geist. Seine Analysen bieten tiefe Einblicke in die Dynamik des modernen Lebens.







»Überall trägt das Außen den Sieg über das Innen davon, und die geophysische Geschichte kehrt sich um wie ein Handschuh.« Paul Virilo resümiert in diesem Gespräch seine jahrzehntelange Arbeit zur beschleunigten und grenzzersetzenden Militarisierung der Räume. Als leidenschaftlicher Liebhaber der nicht stillzustellenden, pulsierenden Küstenlinie, lässt er in diesem Band seine Reflexion dort verweilen, wo er die letzte Grenze ausmacht: Uferzonen und Küstenstreifen als Zugang zum Verständnis heutiger Weltbevölkerung und zur Notwendigkeit, eine Geopolitik der Ströme und Brandungen zu erfinden.
Klimachaos, Börsenpanik, Wirtschaftskrise, Terrorismus. Die stetig wachsende Zahl der Bedrohungen, denen wir heute ausgesetzt sind, veranlasst Paul Virilio zu Überlegungen über das Phänomen der Angst, ihre mediale Verbreitung und politische Instrumentalisierung in einer globalisierten, unablässig beschleunigten Realität. Im Gespräch mit dem Herausgeber und Journalisten Bertrand Richard zeichnet Virilio das Porträt einer „unbewohnbar gewordenen Welt“. In dieser erscheint die Angst als unvermeidliche Kehrseite der Fortschrittspropaganda, weil die Politik neuerdings von globaler statt von individueller Sicherheit spricht und damit sukzessive die Gesellschaft unterminiert. Paul Virilio liefert eine umfassende Analyse der politischen, medialen, aber auch philosophischen Implikationen der allgegenwärtigen Angst, die von den Mächtigen verbreitet, orchestriert und verwaltet wird. Einmal mehr warnt er davor, schreckensstarr und tatenlos den Ereignissen zuzusehen und ruft zum Bruch mit der „Echtzeit“ auf, damit die Diversität, jene des Lebens, der Orte, aber auch jene der Zeit, fortlebt.
Der Gesprächsband von Paul Virilio und Philippe Petit ist nicht nur einVerweilen bei den wichtigen Ideen und Publikationen des französischenArchitekten, Urbanisten und Theoretikers Paul Virilio, sondern offenbart auchbiographische Schnittstellen zwischen seinem Leben und seinen Arbeiten, zwischen seinen Erfahrungen und seinen Warnungen. Petit und Viriliosprechen über Urbanistik, Echtzeitmedien, Finanzkrisen, Biopolitik und Macht. So stellt sich Virilio dem Vorwurf, ein Pessimist zu sein und beharrt dagegenauf der Notwendigkeit, die unterbelichtete Seite der technischen Errungenschaften, die einseitig als Fortschritt gefeiert werden, in den Fokus unsererÜberlegungen zu rücken. Dabei stand die Einlösung einiger Prognosen, die der Seismograph Viriliogibt, Mitte der 90er Jahre überhaupt erst noch aus * sei es in Hinsicht auf dieFinanzkrise oder die Aufstände in den französischen Vororten * bzw. harrenwir ihrer noch ungeduldig, wie bspw. das Ende des Fernsehens, das erschlüssig nahelegt.
Krieg und Fernsehen enthält Paul Virilios Beschreibungen und Analysen der Fernsehbilder, die den Golfkrieg 1991 in jedes Wohnzimmer brachten. Ein Krieg, der nur wenige Wochen dauerte und dessen in Echtzeit gelieferten Bilder schnell wieder aus dem Bewußtsein der Öffentlichkeit verschwanden. Ein Krieg aber auch, der durch die elektronische Durchorganisation der eingesetzten Hightech-Waffensysteme zu einem Medienspektakel werden konnte, das vergessen ließ, daß hier vielleicht der Krieg der Zukunft geprobt wurde: Der erste Fernsehkrieg war ein Dritter Weltkrieg im Kleinen, der den neuesten Stand der Kriegstechnik vor Augen geführt hat.
Virilio ist der Speedfreak unter den Denkern. Er unterscheidet drei Revolutionen der Geschwindigkeit: - das Transportwesen im 19. Jahrhundert - die Transmissions- oder Übertragungsmedien im 20. Jahrhundert - und die künftige Revolution der Transplantationen.
Am Ende des 20. Jahrhunderts verwischen avancierte elektronische Medien den Unterschied zwischen der Realität und ihrer Darstellung, während die Wirklichkeit immer stärker von winzigen Maschinen und Bauteilen beherrscht wird, die sich dem Blick des menschlichen Auges entziehen. Paul Virilio protokolliert, wie es dazu kam, daß uns die Ereignisse aus dem Blick gerieten, und imaginiert als Gegenmodell die Vorstellung einer Ereignislandschaft.
Es war 1843, als Heinrich Heine den Schock durch die Eisenbahn so beschrieb: „Welche Veränderungen müssen jetzt eintreten in unsrer Anschauungsweise und in unsren Vorstellungen! Sogar die Elementarbegriffe von Zeit und Raum sind schwankend geworden. Durch die Eisenbahn wird der Raum getötet, und es bleibt nur noch die Zeit übrig.“ Paul Virilio zitiert diese berühmte Beobachtung häufig, weil sie eine Schlüsselszene in der modernen Geschichte bezeichnet und weil er die Erfahrung, daß Bewegung, beschleunigter Verkehr, Geschwindigkeit unsere Wahrnehmung und unser Verhalten verändern, zum Zentrum einer faszinierenden, überraschenden Geschichtstheorie macht: die Geschichte der Menschheit, ihrer Politik, ihrer Kultur, ihrer Empfindungen als die Geschichte von Bewegung, von Beschleunigung und von Geschwindigkeit. Das Kind auf dem Rücken der Mutter, Lasttiere, das Reitpferd, Schiffe, das Schießpulver, die Eisenbahn, das Flugzeug, die optische, dann die elektronische Nachrichtenübermittlung und schließlich die Laserwaffe, in der absolute Höchstgeschwindigkeit und Zerstörung zusammenfallen: Stationen auf dem Weg rasender Beschleunigung bis heute, bis zum Triumph der Geschwindigkeit, an der sich der Mensch berauscht und die sich als Gewalt schließlich gegen ihn wendet.
In seinen Essays Krieg und Kino und Der negative Horizont hat Paul Virilio zwei Aspekte seines Generalthemas dargestellt: die Verwandlung der Filmkamera in eine Waffe, die Umformung von Wahrnehmung in einen aggressiven Akt und den Ablauf und die Gesetze der Menschheitsgeschichte als Beschleunigungsprozeß, der heute, im Zeitalter gigantischer Informationsnetzwerke, auf seinen Endpunkt zurast. Der vorliegende Essay beschreibt den drohenden Endzustand dieser gewalttätigen Beschleunigung in der allesbeherrschenden Telekommunikation. Der Wahn, dank elektronischer Telekommunikation überall und jederzeit dabeizusein, die Verführung der simultanen Teilhabe an allem, die Erfahrung der geschichtslosen Augenblicklichkeit im Beobachten: Virilio hat diesen Zustand als mediale Ghettoisierung, als elektronische Apartheid, als Koma diagnostiziert. Der rasende Stillstand einer Gesellschaft, die Zeit und Raum hochtechnologisch beherrscht, aber damit an der Auslöschung ihrer selbst arbeitet.