Ursula Krechel Bücher
Krechel konzentriert sich auf Lyrik, schreibt aber auch Prosa, Dramen und Hörspiele. Ihr Werk zeichnet sich durch eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der Sprache und ihren Möglichkeiten aus. Sie widmet sich auch Hörspielen und Theateradaptionen und erweitert damit ihr künstlerisches Feld. Ihre Werke untersuchen häufig Themen wie Identität und Erinnerung mit einer einzigartigen Perspektive.






Der Übergriff
Erzählung
"Immer, wenn ich den Mund aufmache, erhebt sich neben mir eine Stimme. Sie sagt laut und Halt's Maul." So häufig ist ihr über den Mund gefahren worden, daß die Lippen rauh und spröde davon geworden sind. Wie dieser Einschüchterung entkommen? Indem man den Mund nur mehr öffnet, um zu essen, zu küssen oder zu staunen? Hat nicht gerade das Schweigen dieser Stimme Raum gegeben? Zu oft ist geschwiegen worden, auch damals, als man im ganzen Haus hörte, daß die Nachbarmädchen geschlagen wurden. Hat man die eigene Sprache verlernt, weil man verlernt hat hinzuhören? Auch der CNN-Reporter muß nicht mehr hinhören, wenn er vom Krieg berichtet; er hat ja jede Verzweiflung fest im Griff.In dieser Erzählung spürt Ursula Krechel den unterschiedlichen Facetten und Formen der Gewalt den mächtigen und den leisen, den sexuellen und politischen, denen, die man begangen hat, denen, die man erlitt. Und sie tut es auf eine höchst luzide und zugleich irritierende denn letztlich bleibt man in dem Geflecht von Schuld und Scham hoffnungslos verfangen.
Längst gehören die Gedichte von Ursula Krechel zum Kanon deutschsprachiger Lyrik; »Nach Mainz!« (1977), »Verwundbar wie in den besten Zeiten« (1979) und »Vom Feuer lernen« (1985), fast das ganze Gedichtwerk der 70er und 80er Jahre, ist seit längerer Zeit vergriffen. Ausgewählt, geringfügig überarbeitet und mit manchen klugen Ausdeutungen und ›Lesezeichen‹ versehen, wird die Lyrik von Ursula Krechel nun wieder neu vorgestellt: »Ungezürnt«. Ob in der Lyrik, in ihrem erzählerischen oder essayistisch-kritischen Werk, Ursula Krechels Literatur »pocht auf Zeitgenossenschaft«. So schrieb auch Friederike Mayröcker beglückwünschend: »Das ist eine poetische Sprache des 21. Jahrhunderts, verzeihen Sie, daß ich so enthusiastisch reagiere...«
Weitläufig sind die Räume, die Ursula Krechel mit diesen Essays aufschließt. Mit Staunen folgt man ihr, wenn sie der Gangart Casanovas nachforscht, mit der dieser sich durch seine Zeit bewegt hat, wenn sie sich erinnert, wie sie mit Rolf Dieter Brinkmann gegen dessen Widerstand ein Interview zu führen versucht hat, wenn sie sich bei Betrachtung eines Porträtbildes fragt, wer wen erkennt, wenn ein Maler den Malerfreund malt, und darüber nachdenkt, wie man in Diktaturen träumt, von einer nie angetretenen Reise zum Ursprung des Apfels erzählt, Dichtern und Apfelzüchtern nachspürt oder Spuren in die Welt von Uwe Johnson, Daniil Charms, Federico García Lorca, Katherine Mansfield u. a. folgt. Der Titel dieses Buches ist Programm: Gleich welcher Gegenstand, Ursula Krechels Essays sind Aufzeichnungen einer gedanklichen Bewegung, die immer dem genaueren Sehen dient, Annäherungen, Umkreisungen, Betrachtungen im Versuch, das zu beschreiben, was sich dem ersten Blick entzieht. Nie genügt ihr, was sie bereits weiß. Ihre Essays sind keine Exkurse zur Belehrung, sondern Exkursionen in unermessliche Räume des Denkens und Schauens.
Beileibe und Zumute. Gedichte
- 107 Seiten
- 4 Lesestunden
»Erkenntnis ist nach wie vor möglich.« Das ist keine verzagte Hoffnung, sondern Ethos, Haltung und Bekenntnis. Denn: »Siehe: Die Sprache balanciert auf hochgespanntem Seil« - ja, beides trifft zu: hoch und gespannt! Und es ist jedes Mal wieder ein Abenteuer, Ursula Krechel auf ihren Gängen über dieses Seil zu folgen. Ihre Gedichte sind dynamische Gegenwart. Sie sind wach, hellwach, selbst dort, wo man nur mit geschlossenen Augen sieht: ins Dunkle, ins Ungewisse, in Abgründe, in Schichten persönlicher wie kollektiver Erinnerung. In vielfältigen Formen und in einem breiten Register der Stimmen, Rhythmen und Töne untersuchen diese Gedichte Wirklichkeit, ohne sich darauf einen Reim machen zu wollen. Es sind Erkundungen mit offenem Eingang und offenem Ausgang, eigenwillig, voller Wagemut und Spielfreude. Sie zeigen Zeile für Zeile die Meisterschaft und Souveränität einer großen Autorin.
Stark und leise
Pionierinnen
Ursula Krechel porträtiert ebenso klug wie poetisch Pionierinnen, die in ihren Fächern Maßstäbe gesetzt haben: wegbereitende und außergewöhnliche Frauen aus Kunst und Wissenschaft, denen wir durch die Jahrhunderte folgen, von Bettina von Armin über Ingeborg Bachmann und Vicki Baum bis zu Friederike Mayröcker. Die Namen dieser beeindruckenden Pionierinnen scheinen wir zwar zu kennen, von deren starken Lebensgeschichten wissen wir jedoch wenig. Alle diese Frauen wollten sich behaupten, sie wollten erkunden, was sie in sich und in der Welt entdeckten. Sie standen an einem Anfang, der jene, die nach ihnen kamen, im Weitergehen bestärkte und noch immer bestärkt.
Shanghai am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Für Tausende Juden ist es das letzte Schlupfloch. Sie kamen ohne Visum und Illusionen mit einem Koffer und zehn Reichsmark in der Tasche: Anwälte, Handwerker, Kunsthistoriker, und wenn sie in dieser überfüllten Stadt und dem feucht drückenden Klima zurechtkommen wollten, dann waren Erfindungsgabe und Tatkraft gefordert. Ursula Krechels bewegender Roman erzählt von Menschen, die versuchen, das Überleben zu lernen.
Fast ein Jahrhundert umspannt der Bogen dieses Romans, mit dem Ursula Krechel fortsetzt, was sie, vielfach ausgezeichnet und gefeiert, mit »Shanghai fern von wo« und »Landgericht« begonnen hat. »Geisterbahn« erzählt die Geschichte einer deutschen Familie, der Dorns. Als Sinti sind sie infolge der mörderischen Politik des NS-Regimes organisierter Willkür ausgesetzt: Sterilisation, Verschleppung, Zwangsarbeit. Am Ende des Krieges, das weitgehend bruchlos in den Anfang der Bundesrepublik übergeht, haben sie den Großteil ihrer Familie, ihre Existenzgrundlage, jedes Vertrauen in Nachbarn und Institutionen verloren. Anna, das jüngste der Kinder, sitzt mit den Kindern anderer Eltern in einer Klasse. Wer wie überlebt hat, aus Zufall oder durch Geschick, danach fragt keiner. Sie teilen vieles, nur nicht die Geister der Vergangenheit. Mit großer Kunstfertigkeit und sprachlicher Eleganz erzählt Ursula Krechel davon, wie sich Geschichte in den Brüchen und Verheerungen spiegelt, die den Lebensgeschichten einzelner eingeschrieben sind. Auf einzigartige Weise schafft sie eine atmosphärische Dichte, in der vermeintlich Vergangenes auf bewegende und bedrängende Weise gegenwärtig wird.
Landgericht
- 494 Seiten
- 18 Lesestunden
Was muss einer fürchten, was darf einer hoffen, der 1947 aus dem Exil nach Deutschland zurückkehrt? Nach ihrem gefeierten, 2008 erschienenen Buch 'Shanghai fern von wo' geht Ursula Krechel mit ihrem neuen großen Roman 'Landgericht' noch einmal auf Spurensuche. Die deutsche Nachkriegszeit, die zwischen Depression und Aufbruch schwankt, ist der Hintergrund der fast parabelhaft tragischen Geschichte von einem, der nicht mehr ankommt. Richard Kornitzer ist Richter von Beruf und ein Charakter von Kohlhaas’schen Dimensionen. Die Nazizeit mit ihren absurden und tödlichen Regeln zieht sich als Riss durch sein Leben. Danach ist nichts mehr wie vorher, die kleine Familie zwischen dem Bodensee, Mainz und England versprengt, und die Heimat beinahe fremder als das in magisches Licht getauchte Exil in Havanna. Ursula Krechels Roman lässt Dokumentarisches und Fiktives ineinander übergehen, beim Finden und Erfinden gewinnt eine Zeit atmosphärische Konturen, in der die Vergangenheit schwer auf den Zukunftshoffnungen lastet. Mit sprachlicher Behutsamkeit und einer insistierenden Zuneigung lässt 'Landgericht' den Figuren späte Gerechtigkeit widerfahren. 'Landgericht', der Roman mit dem doppeldeutigen Titel, handelt von einer deutschen Familie, und er erzählt zugleich mit großer Wucht von den Gründungsjahren einer Republik.
Der Roman thematisiert die komplexen und oft problematischen Beziehungen zwischen Söhnen und ihren Müttern. Ursula Krechel nutzt eine beeindruckende Sprachkraft, um von symbiotischer Mutterschaft und den Herausforderungen existenziell gefährdeter Frauen zu erzählen. Zudem wird der Einfluss politischer Gewalt auf persönliche Beziehungen beleuchtet, wodurch ein tiefes Verständnis für die emotionalen Abgründe und gesellschaftlichen Kontexte geschaffen wird.



