Ich bin ein Freund der Vergangenheit, nicht aus romantischen Neigungen oder einer Schwärmerei für die vermeintlich gute alte Zeit, die es nie gab. Vielmehr meine ich die Vergangenheit, die bis in die Gegenwart reicht und mit der ich, da man seine Jugendeindrücke nicht loswerden kann, emotional verbunden bin. Ich fühle mich zu Menschen hingezogen, deren Leben in frühere Zeiten fällt und die sich nicht mehr in neue Verhältnisse einfügen können. Gerne spreche ich mit Handwerkern und Kaufleuten, die der Gewerbefreiheit und dem Wettkampf der Industrie zum Opfer gefallen sind, sowie mit Beamten und Militärs, die unter den Trümmern gescheiterter Systeme begraben wurden. Auch Aristokraten, die vom letzten Schimmer eines erlauchten Namens leben, wecken mein Interesse. Diese typischen Persönlichkeiten, die an vergangenem Glanz festhalten möchten, verkörpern eine Macht des Lebens, die es wert ist, gewürdigt zu werden. Daher habe ich eine Vorliebe für die alten Plätze, Gassen und Häuser meiner Heimatstadt und finde mich manchmal in öffentlichen Gärten wieder, die durch neue Anlagen an Publikum verloren haben und in denen sich oft Menschen in lichtscheuer Kleidung verstecken.
Ferdinand von Saar Reihenfolge der Bücher
Ferdinand von Saar war ein österreichischer Romanautor, Dramatiker und Dichter. Zusammen mit Marie von Ebner-Eschenbach gehörte er zu den bedeutendsten realistischen Schriftstellern deutscher Sprache im Österreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Seine Werke werden für ihren realistischen Blick auf die damalige Gesellschaft und menschliche Schicksale geschätzt. Saars Stil zeichnet sich durch Präzision und Tiefe in der Erfassung der Figurenpsychologie aus.







- 2023
- 2023
Tambi
Novelle
Vor Jahren hatte ich mich entschlossen, einen Winter auf dem Lande zu verleben, und zwar deshalb, weil ich in meinen Arbeiten zurückgeblieben war und Ruhe und Sammlung benötigte. Ich begab mich also im Spätherbst auf ein herrschaftliches Gut, dessen Besitzer mir seit Jahren befreundet. Er selbst war von dort, wo er einen Teil des Sommers zugebracht, mit seiner Familie nach Italien abgegangen; ich aber bezog ein kleines Nebengebäude des Schlosses, wo ich mich sehr bald wohnlich eingerichtet hatte. Meine Fenster gingen nach zwei Seiten hin. Auf der einen blickte ich in den Park, auf der anderen lag die Landschaft mit einem Teil des Dorfes vor mir. Eine echt mährische Gegend. Unübersehbare Felder, auf welchen noch hin und wieder Rüben und Kartoffeln standen; sanft ansteigende Hügel, dunkle Nadelholzwälder und das Ganze von einem Eisenbahndamme und einem kleinen, trägen Flüßchen durchschnitten und durchschlängelt.
- 2023
Tragik des Lebens
- 104 Seiten
- 4 Lesestunden
In der Landeshauptstadt waren Arbeiterunruhen entstanden, die sich zunehmend steigerten und drohten, auf die benachbarten Eisenwerke überzugreifen. Ein Streik musste unbedingt verhindert werden. Man erwartete den Fürsten, der sich mit seiner Mutter und seiner jungen Gemahlin in Florenz befand, während die Betriebsleiter Tag und Nacht arbeiteten und Verhandlungen anstrebten. In der Stadt war es jedoch zum Äußersten gekommen, Militär wurde mobilisiert, und es gab unvermeidliche Opfer, die eine dumpfe, unentschiedene Ruhe hinterließen. An einem Abend saß ich mit Graf Erwin im kleinen Salon des Schlosses, einem traulichen Raum, der durch einen prachtvollen alten Gobelin abgegrenzt war. An der gegenüberliegenden Wand hingen einige Familienporträts, darunter eines, das besonders hervortrat. Es zeigte den Urgroßvater des Fürsten in der grünen Uniform eines Landsturmmajors aus den Befreiungskriegen, gemalt von Lampi. Hohe Intelligenz sprach aus den edlen, aber sanften Zügen des Mannes, der in kräftigstem Alter war. Sein Haar war, der Tracht seiner Zeit gemäß, leicht gepudert und nach hinten in einem Beutel zusammengefasst. Die Farben des Meisterwerks waren so frisch, als stammte es von heute, und die lebendige Wiedergabe der bedeutenden Persönlichkeit regte zur längeren Betrachtung an. So blickten wir beide auch jetzt schweigend darauf hin.
- 2023
Am südlichen Ende Prags, auf einem gegen die Moldau felsig abstürzenden Hügel, erhebt sich ernst und düster die Wyschehrader Zitadelle. Es läßt sich im Umkreise einer großen, volkreichen Stadt nichts einsam Abgeschiedeneres denken als dieses alte, ziemlich ausgedehnte Fort. Denn die Besatzung beschränkt sich in Friedenszeiten auf eine Offizierswache von geringer Stärke, die nur den allernötigsten Sicherheitsdienst an den Toren und auf den Wällen versieht. Die Kasematten und Blockhäuser im Innern stehen leer und verödet, und die spärlich gefüllten Pulvermagazine scheinen wie die Belagerungsgeschütze nur da zu sein, um einem invaliden Unteroffizier der Artillerie zur Sinekure eines Zeugwartes zu verhelfen. Auch die Poststraße, welche durch die Zitadelle über den Rücken des Hügels nach Budweis führt, wird nur wenig benützt. Harmlose Spaziergänger nach dem nahen anmutigen Dorfe Podol, Landleute aus der Umgegend, welche Lebensmittel zum Prager Markt bringen, und hin und wieder ein bestäubter Wanderbursche sind fast die einzigen Passanten der Festungstore. So herrscht innerhalb der Wälle gewöhnlich die tiefste Stille, die nur selten durch das Rollen eines Wagens, regelmäßig aber am frühen Morgen, mittags und abends durch den Wachetambour mit rasselnden Trommelsignalen unterbrochen wird.
- 2022
Es war im Vorfrühling. Einige außergewöhnlich schöne und warme Tage hatten in dem Garten des Versorgungshauses für Ortsarme den Rasen zum Grünen und an den Bäumen und Gesträuchen die Knospen zum Schwellen gebracht, ja an dem vernachlässigten Aprikosenspalier längs der Feuermauer des anstoßenden Hauses waren schon weiße Blüten zum Vorschein gekommen. Aber ein plötzlicher Wetterumschlag war erfolgt, und nach starken Regengüssen begann ein rauher Nordwest von der nahen Türkenschanze herüberzufegen. So war denn der Garten, wo sich alte bresthafte Leute schon gehend oder sitzend gesonnt hatten, wieder winterlich verödet. Nur der Pfründner Karl Schirmer betrat ihn noch nach der kärglichen Mahlzeit, die er in einer benachbarten kleinen Gastwirtschaft einzunehmen pflegte. Er wandelte dann trotz der feuchten Kälte, die sehr empfindlich in seinen von mehrfachen Übeln angegriffenen Körper eindrang, auf den verlassenen Pfaden umher. Denn er fühlte sich da unten doch wohler als oben im Hause, wo ihm die Stubengenossen sein jämmerliches Dasein nur noch mehr verbitterten.
- 2019
Wiener Kinder
- 228 Seiten
- 8 Lesestunden
Die Handlung spielt in einem neu errichteten, gotischen Bau, der als Schule dient und in einer ruhigen Gasse liegt. Hier lernen eifrige Kinder in lichtdurchfluteten Räumen, dass Bildung weit über die Grundlagen von Lesen und Schreiben hinausgeht. Der Autor reflektiert über den Wandel der Bildung und die Herausforderungen, die mit der modernen Wissensvermittlung einhergehen. Die Schule, von den Vätern der Stadt geweiht, symbolisiert den Übergang zu einem umfassenderen Verständnis von Wissen und den Anforderungen der heutigen Zeit.
- 2012
Schloß Kostenitz
Novelle
Die Hardcover-Ausgabe gehört zur Reihe TREDITION CLASSICS des Verlags tredition aus Hamburg, die Werke aus über zwei Jahrtausenden neu auflegt. Ziel ist es, Klassiker der Weltliteratur in gedruckter Form zu bewahren und die Kultur zu fördern, damit sie nicht in Vergessenheit geraten.

